Kommentar Kühne und Nagel: Wer, wenn nicht wir alle

Die taz will auf vier Quadratmetern ein Mahnmal für die „Arisierungs“-Geschäfte der Firma Kühne und Nagel errichten – mit überwältigender Resonanz.

Die Bremer Niederlassung der Firma Kühne + Nagel

Die Bremer Niederlassung der Firma Kühne und Nagel Foto: imago/Eckhard Stengel

Die taz sammelt Geld für ein „Arisierungs“-Mahnmal, und die überwältigende Resonanz auf diesen Crowdfunding-Aufruf ist ein starkes Signal: Das Leugnen und Beschönigen der eigenen Geschichte à la Kühne und Nagel wird gesellschaftlich nicht hingenommen.

Die Chance auf eine öffentliche Erinnerung an die monströse NS-Geschichte des Logistikkonzerns entsteht ausgerechnet durch die übereifrige Investorenpflege seitens des Bremer Senats: Er will der Spedition den Neubau seines Stammsitzes am Weserufer versüßen – und fordert für das prominent gelegene Grundstück nur 900 Euro pro Quadratmeter. Darf er sich da über Mitbieter wundern?

Die taz will nur vier Quadratmeter des bislang öffentlichen Platzes sichern, um dort das Mahnmal zu errichten. Müsste sie da nach Maßgabe der Bremer Haushaltsnotlage mit ihrem höheren Gebot nicht zum Zuge kommen …? Wir wissen, dass unsere Aktion womöglich „nur“ symbolischen Wert hat – und geben das Geld, wenn wir scheitern, wie bereits angekündigt, der Jüdischen Gemeinde.

Doch das große Echo auf unser Crowdfunding zeigt, dass das Thema politisch noch lang nicht ausdiskutiert ist: Und wer, wenn nicht ein rot-grüner Senat im kleinen Bremen, sollte in der Lage sein, der Erinnerung an NS-Unrecht einen angemessenen Ort zu verschaffen?

In Bezug auf Kühne und Nagel ist die Hoffnung auf Einsicht weitaus geringer. Denn es ist ja viel einfacher, das Fehlverhalten eines Vorvorvorgängers als Aufsichtsratschef einzuräumen als die Skrupellosigkeit des eigenen Großvaters – oder Vaters.

Als Klaus-Michael Kühne, der heutige Mehrheitsaktionär, 1937 zur Welt kam, war sein Vater schon seit fünf Jahren Geschäftsführer. Und Kühne, der allen Aufarbeitungsbemühungen zähen Widerstand entgegensetzt, schafft es nicht, aus dessen Schatten zu treten. Im Gegenteil: Der neue Stammsitz ist als Baudenkmal der Kühne-Dynastie gedacht. Wir wollen etwas anderes.

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2015 bis 2022: Von der taz-Kampagne „4 Qm Wahrheit“ bis zum Bau des Arisierungsmahnmal in Bremen

Kühne+Nagel: Das Logistikunternehmen Kühne+Nagel (K+N) feiert 2015 auf dem Bremer Marktplatz sein 125-jähriges Jubiläum und stellt dabei die Firmengeschichte zur Schau. Die taz recherchiert die fehlenden Fakten, u.a. die maßgebliche Beteiligung der Firma am Abtransport der Wohnungseinrichtungen der deportierten jüdischen Bevölkerung in ganz Westeuropa.

Crowdfunding: Unter dem Motto „4 Qm Wahrheit“ werden 27.003 Euro für den Kauf von 4 Quadratmeter Boden auf dem Platz gesammelt, auf dem K+N in Bremen seinen Neubau errichten will – als Standort für ein Mahnmal.

Kaufangebot: Die taz bietet der Stadt Bremen den doppelten Quadratmeterpreis wie K+N. Das Angebot wird abgelehnt, involviert aber Finanz- und Bauausschuss in die Thematik.

Gestaltungs-Wettbewerb: Die taz sammelt Ideen, wie „die Totalität der,Verwertung' jüdischen Eigentums in Gestalt eines Mahnmals visualisiert werden könnte. Unter den 60 Teilnehmenden des Gestaltungs-Wettbewerbs aus ganz Deutschland und Österreich sind sowohl bekannte Künst­le­r:in­nen als auch Schulklassen. Der Wettbewerb löst zahlreiche familienbiographische Nachfragen und Auseinandersetzung aus. Der Entwurf von Evin Oettingshausen kommt auf Platz 1.

Die taz veranstaltet am 3. November 2016 ein Symposium in der Bremischen Bürgerschaft: „Arisierung“ – über den Umgang mit dem Unrechts-Erbe.

Alle Fraktionen der Bremischen Bürgerschaft beschließen im November 2016 den Bau des Mahnmals.

Langes Ringen um den „richtigen“ Standort in Bremen: Soll das Mahnmal bei Kühne+Nagel, am Europahafen, an der Jugendherberge oder irgendwo dazwischen verortet werden?

Dynamik: Parallel zum politischen Prozess entstehen, ausgelöst von der Kampagne „4 qm Wahrheit“, künstlerische Aktionen, temporäre Mahnmale, Masterarbeiten, internationale Ausstellungsbeiträge, Radioreportagen und Regionalromane.

Ergebnis: Am 1. Februar 2022 beschließt der Bremer Senat den Bau des Mahnmals – zwischen Kaisenbrücke und den Bremer Weserarkaden, schräg unterhalb des Firmengebäudes von Kühne+Nagel.

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