Kommentar Handschlag in der Schweiz

Ihr seid doch nur unsicher

Ein verweigerter Handschlag wird in der Schweiz zur Integrations-Debatte aufgeblasen. Damit macht es sich die Politik zu einfach.

Zwei Hände die sich Schütteln

Die Schweizer drehen durch: Dabei sind's doch nur Hände Foto: imago/Westend61

Man muss sich die Schweiz als ein glückliches Land vorstellen. Es scheint dort keine größeren Probleme zu geben als die Frage, ob Schüler ihrer Lehrerin die Hand geben sollen oder nicht. Diese Frage hat das Land über fast zwei Monate hinweg umgetrieben, sie wurde in Talkshows und Leitartikeln heiß debattiert. Glücklich ist ein Land, das solche Sorgen hat.

Eine weniger freundliche Einschätzung lautet: die Schweiz ist komplett durchgedreht. Denn anders ist nicht zu erklären, warum eine lokale Bagatelle für einen landesweiten Aufruhr sorgen konnte. Anfang April war der Fall zweier (!) Schüler im Kanton Basel-Landschaft, die sich geweigert hatten, ihrer Lehrerin die Hand zu geben, über die Region hinaus bekannt geworden. Der 14-jährige und sein 16-jähriger Bruder begründeten ihr Verhalten mit ihrer religiösen Überzeugung, die es ihnen aus Respekt vor Frauen verbiete, diesen die Hand zu geben.

Statt den Vorfall als pubertäre Verwirrung oder religiösen Spleen zweier Minderjähriger abzutun, wurde er von rechten Medien und der Politik zur Staatsaffäre und Prinzipienfrage aufgeblasen. Mit erfolg: Zuletzt fühlte sich sogar die Schweizer Justizministerin Simonetta Sommaruga bemüßigt, das Händeschütteln zu einem unverzichtbaren Teil der Schweizer Kultur zu erklären. Da dürfe es keine Fragezeichen geben, erklärte die Sozialdemokratin.

Nun hat auch die Schulbehörde ein Machtwort gesprochen: künftig darf kein Schüler mehr die Hand einer Lehrerin zurückweisen – er muss sie schütteln. Zieren Schüler sich, müssen sie oder die Eltern mit Sanktionen rechnen – bis hin zu einem Bußgeld über 4.500 Euro oder einem Schulverweis. Denn den Handschlag nicht zu erwidern gilt jetzt als Integrationsverweigerung.

Symptom für die tiefgreifende Verunsicherung

Dabei ist es nur eine kleine und marginale Minderheit konservativ-religiöser Muslime – und orthodoxer Juden – die eine Berührung des anderen Geschlechts grundsätzlich vermeidet. Aber der Schweizer Umgang damit ist symptomatisch: während man den Muslimen einmal mehr vermittelt, dass man auf ihre religiösen Gefühle leider keine Rücksicht nehmen könne, werden die verletzten Gefühle all jener, die den verweigerten Handschlag als Affront begreift, zum alleinigen Maßstab gemacht.

Dabei ist der Handschlag kein universeller Brauch, sondern hat sich auch in der Schweiz erst seit den Siebzigerjahren zwischen Lehrerinnen und Schülern eingebürgert. Nun aber wird er zu einem in Stein gemeißelten Fundament Schweizer Leitkultur erklärt.

Diese Überreaktion ist ein Symptom für die tiefgreifende Verunsicherung, die viele europäische Gesellschaften erfasst hat. Und ausgerechnet die Schweiz, die es geschafft hat, mit vier verschiedenen Amtssprachen zu leben und zwischen den beiden großen christlichen Konfessionen einen Modus Vivendi zu finden, der über Jahrhunderte gehalten hat, scheint davon besonders betroffen zu sein. Ganze vier Minarette reichten in dem kleinen Land bekanntlich ja bereits aus, um eine Mehrheit für ein Minarettverbot zu mobilisieren und dieses per Referendum durchzusetzen.

Aber auch in anderen europäischen Ländern dienen oft nichtige Anlässe dazu, einen Kulturkampf vom Zaun zu brechen. In einer Wohnsiedlung bei Kopenhagen entscheiden sich die mehrheitlich muslimischen Mieter erstmals dagegen, zu Weihnachten einen Christbaum aufzustellen? Darüber diskutierte man im Advent 2012 in Dänemark so lange, bis der Baum wieder stand.

Ein bisschen mehr Gelassenheit

Ein paar französische Modemacher haben Kollektionen für muslimische Frauen entworfen, die ein Kopftuch tragen? Halb Frankreich steht deswegen Kopf, denn Feministinen sehen das heilige Prinzip des Laizismus in Gefahr. Ein ausländisches Staatsoberhaupt reicht Klage gegen einen Satiriker ein? Halb Deutschland sitzt auf dem Sofa und ist empört.

Das wirft die Frage auf: Wie unsicher muss man sich seiner Werte, seiner Demokratie und seiner Kultur eigentlich sein, um derart in Schnappatmung zu verfallen?

Ein bisschen mehr Gelassenheit im Umgang mit solchen banalen Konflikten täte unseren Gesellschaften gut. Wahrlich, es gibt größere Probleme. Und Verbote haben oft den gegenteiligen Effekt, sie führen zu Trotz und Ablehnung. Denn, ganz ehrlich: wer dazu gezwungen wird, anderen die Hand zu geben, wird sich doch erst recht verweigern. Oder eben andere Wege finden, seinen Protest gegen autoritäre Vorschriften auszudrücken und die Mehrheitsgesellschaft zu provozieren.

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Jahrgang 1970, ist seit 1998 bei der taz. Er schreibt über Migration und Minderheiten, über Politik und Popkultur. Sein Buch "Angst ums Abendland. Warum wir uns nicht vor Muslimen, sondern vor den Islamfeinden fürchten sollten" ist gerade im Westend Verlag erschienen.

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