Kommentar Grüne: Grüne Wollmilchsau gesucht

Bütikofer geht? Schade. Und doch ist es richtig, dass einer aus der zerstrittenen Führungsrige Platz für Jüngere macht. Nur: Wer bringt die vielen Ansprüche der Partei unter einen Hut?

Mit Reinhard Bütikofer geht die strategisch denkende Hälfte der grünen Partei-Doppelspitze. Das ist für die Grünen erst einmal ein Verlust. Bütikofer fiel nach außen vielleicht weniger auf als die exaltierte zweite Parteichefin Claudia Roth. Doch war er nach innen umso wichtiger - als Analyst der nahezu wöchentlich komplizierter werdenden Verhältnisse im neuen Fünfparteiensystem.

Trotzdem ist es richtig, dass einer aus dem heillos zerstrittenen Fünferhaufen der Grünen-Führung sein Amt zur Verfügung stellt. Fraktionschefin Renate Künast oder Vizefraktionschef Jürgen Trittin, das neue Spitzenkandidatenduo, wäre für so einen Schritt schon aus Gründen des Grünen-Prestiges nicht infrage gekommen. Co-Fraktionschef Fritz Kuhn braucht dafür keinen Anlass zu sehen, auch wenn er inzwischen keine größeren Ambitionen mehr zu verfolgen scheint. So fällt die Aufgabe, für wenigstens einen Hauch Generationenwechsel zu sorgen, sowieso der Parteiführung zu.

Und der Generationenwechsel ist - mit allem Respekt vor dem nicht vorwerfbaren Alter der fünf Obergrünen - wirklich nötig. Alle wortreichen Erzählungen von "Regeneration in der Opposition" und so weiter bleiben reines Getöse, wenn keine Personalentscheidungen folgen.

Umso größer werden die Hoffnungen sein, die sich auf die neue Person an der Parteispitze richten werden. Der arme Mensch wird für alles gleichzeitig stehen müssen: für den Anspruch, die jüngste, stets am weitesten vorandenkende Partei zu sein. Für den Aufbruch nach Schwarz-Grün. Für den Aufbruch nach Rot-Rot-Grün.

Deshalb wird sich die Frage nach der idealen Kandidatin oder dem idealen Kandidaten sowieso erst beantworten lassen, wenn in Hessen wie in Hamburg Koalitionsentscheidungen gefallen sind. Wenn es in Hamburg kein Schwarz-Grün gibt, in Hessen aber ein Linksbündnis mit den Grünen, könnte eher jemand infrage kommen, der mit der Linkspartei schon einmal geredet hat.

Ebendarum ist die Neubesetzung an der Spitze der Grünen keine reine Personalie - sondern im Wortsinne Personalpolitik.

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Chefredakteurin der taz. Von 2014 bis 2020 beim Deutschlandfunk. Davor in der taz als Chefin vom Dienst, Sozialredakteurin, Parlamentskorrespondentin, Inlandsressortleiterin. Zwischendurch auch ein Jahr Politikchefin bei der Wochenzeitung „der Freitag“.

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