Kommentar Gaza-Krieg: No double standards, please!

Der Gaza-Krieg: Wenn rund 40 Prozent der Toten in einem Krieg, der sich offiziell nur gegen "eine Terror-Organisation" richtet, Frauen und Kinder sind, wird es Zeit für ein Umdenken.

Es scheint, als hätten die Zehntausende von Demonstranten in Europa an diesem Wochenende mehr als alle europäischen Politiker verstanden, dass der Krieg in Gaza ein Verbrechen an der Zivilbevölkerung ist. Ein Verbrechen, das beendet werden muss. Es ist bedauerlich, dass jüdische Gemeinden in einer solchen Lage zur Solidarität mit einer Kriegsmaschinerie aufrufen, die auf zivile Opfer so wenig Rücksicht nimmt, wie dies die israelische Armee derzeit tut. Wenn rund 40 Prozent der Toten in einem Krieg, der sich offiziell nur gegen "eine terroristische Organisation" richten soll, Frauen und Kinder sind, dann wird es Zeit für ein Umdenken und ein Eingreifen.

Stellen wir uns doch einmal vor, die Hamas oder eine andere palästinensische Organisation hätte einen Krieg gegen Israel geführt, bei dem 40 oder 30 oder auch nur 20 Frauen und Kinder an einem angeblich sicheren Platz bombardiert und getötet worden wären. Welch ein Aufschrei wäre durch dieses Land, ja durch ganz Europa gegangen. Wie hätten unsere tapferen PolitikerInnen wie Merkel, Steinmeier, Westerwelle, Roth oder sonst wer sich ereifert, nicht nur den Krieg zu stoppen, sondern die Barbaren, die hinter einem solchen Anschlag stecken, zur Rechenschaft zu ziehen. Hat irgendwer gehört, dass Frau Merkel erklärt hätte, dass es unerträglich sei, wenn Israel eine UNRWA-Schule, deren genaue Koordinaten der israelischen Armee vorliegen, bombardiert oder mit Panzergranaten beschießt? Stellen Sie sich vor, es gäbe nicht 450 tote israelische Zivilisten in diesem Krieg - wie auf palästinensischer Seite -, sondern nur 45. Man kann sich leicht vorstellen, welche Hebel in Bewegung gesetzt worden wären, um einem solchen Gemetzel ein Ende zu setzen.

Die Doppelmoral, das Messen mit zweierlei Maß - das ist es, was den Westen, die USA und Europa in der arabischen Welt so unbegreiflich und zu Recht verhasst macht. Sind die Ausflüchte, Lügen, Verdrehungen und Halbwahrheiten, die jeden Krieg begleiten, auf israelischer Seite vielleicht wahrhaftiger als die auf arabischer? Haben wir schon vergessen, mit welcher Lüge der Irakkrieg begründet wurde? Anders gefragt: Ist palästinensisches Blut weniger wert als israelisches? GEORG BALTISSEN

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

61, ist Redakteur im Ausland und gelegentlich Chef vom Dienst. Er arbeitet seit 1995 bei der taz, für die er schon in den 80iger Jahren geschrieben hat. Derzeit ist er zuständig für die Europäische Union und Westeuropa. Vor seiner langjährigen Tätigkeit als Blattmacher und Titelredakteur war Georg Baltissen Korrespondent in Jerusalem. Noch heute arbeitet er deshalb als Reisebegleiter für die taz-Reisen in die Palästinensische Zivilgesellschaft. In den 90iger Jahren berichtete er zudem von den Demonstrationen der Zajedno-Opposition in Belgrad. Er gehörte zur ersten Gruppe von Journalisten, die nach dem Massaker von 1995 Srebrenica besuchte.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben