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Kommentar Freilassung von Golunow Herrenzittern in Moskau

Klaus-Helge Donath

Kommentar von

Klaus-Helge Donath

Nach sechs Tagen kommt der Enthüllungsjournalist Golunow frei. Der Kreml zog die Reißleine, denn es drohte wirtschaftlicher Schaden.

N ach sechs Tagen Polizeigewahrsam und Hausarrest endete die Tortur mit Freilassung. Rippenbruch und Gehirnerschütterung inklusive. Als Enthüllungsjournalist Iwan Golunow am Dienstag die elektronischen Fußfesseln ablegen konnte, war dies der Sieg einer Solidaritätsaktion von Journalisten, sozialen Medien und Zivilgesellschaft.

Von vornherein stand fest, dass die Anschuldigung des Drogenmissbrauchs nur Vorwand war, um den Journalisten aus dem Verkehr zu ziehen. Alle Anklagepunkte gegen ihn wurden fallen gelassen. Im Umkehrschluss müssten jetzt Ermittlungen gegen jene eingeleitet werden, die einen unbescholtenen Bürger zum Drogendealer machen. Nicht aus Versehen, vielmehr mit System, wie sich bei genauerem Hinsehen ergeben würde.

Gewöhnlich hat die Führungsschicht im Kreml nichts einzuwenden, wenn die niedere Generalität Geschäften nachgeht und elementare Rechte mit Füßen tritt. In diesem Fall nahm sich die mittlere Ebene jedoch zu viel heraus. Die Aktion Golunow, die der Selbstbereicherung dient, störte das Petersburger Wirtschaftsforum, auf dem Präsident Putin präsidierte. Golunow übertrumpfte den Kremlchef bei Nennungen im Netz, an zweiter Stelle folgte er in anderen Medien. Wer will da noch warmen Werbungen für Investitionen Glauben schenken?

Die Ankündigung eines Golunow-Protestmarsches für den 12. Juni, Russlands Unabhängigkeitstag, versprach auch unruhig zu werden. Der inszenierte jährliche Austausch mit dem Volk, der „Direkte Draht“ im TV, steht nächste Woche an. Wladimir Putin ist bereits angeschlagen. Der Kreml zog die Reißleine.

Golunows letzte Geschichte dreht sich um Korruption im Bestattungswesen, an dem keiner vorbeikommt. Doch will sich jemand auf dem letzten Weg noch erpressen und erniedrigen lassen?

Nicht zuletzt schaltete sich eine kritische Gemeinde zu, die bislang der Straße fernblieb, im Netz aber präsent war: die Opposition 2.0. Zunächst lautet die Devise des Kreml: eher abtauchen als auftrumpfen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Klaus-Helge Donath

Klaus-Helge Donath Auslandskorrespondent Russland

Jahrgang 1956, Osteuroparedakteur taz, Korrespondent Moskau und GUS 1990, Studium FU Berlin und Essex/GB Politik, Philosophie, Politische Psychologie.
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