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Kommentar FinanzkriseErst aufklären, dann aufräumen

Reiner Metzger
Kommentar von Reiner Metzger

Über die Gefahren der Finanzkrise müssen auch die sprichwörtlichen kleinen Leute aufgeklärt werden, nicht nur Minister und Finanzinvestoren mit Zugang zu exklusiven Informationen.

"Keine Panik!", schallt es aus jedem Ministermund angesichts der abstürzenden Börsenkurse. Auch George W. Bush hatte in seiner aktuellen Ansprache nichts anderes zu sagen. Jedes Medium solle sich daher gut überlegen, ob es zu einer Verstärkung der Angstspirale beiträgt.

Das ist richtig, Panikmache ist nie gut. Aber wir reden nicht über einen Börsenschluckauf, wir reden über einen wahren Einbruch. Der US-Index Dow Jones und der deutsche DAX verloren seit Beginn der Krise Mitte September über 30 Prozent an Wert. Im Jahre 1929 beim Crash zum Beginn der großen Wirtschaftskrise verschwanden in den ersten zwei Wochen 40 Prozent des Kapitals, bei der Ölkrise in den 70er-Jahren gab es ähnliche Verluste. Wir bewegen uns also wirklich auf der ganz großen Wirtschaftsbühne.

Über diese Gefahren müssen auch die sprichwörtlichen kleinen Leute aufgeklärt werden, nicht nur Minister und Finanzinvestoren mit Zugang zu exklusiven Informationen. Wenn wir schon auf eine schwere Wirtschaftskrise zusteuern - und daran zweifelt kaum noch einer -, muss sich jeder darauf einstellen können. Nur wenn jedem klar ist, wie schlimm die Aufräumarbeiten der Finanzkrise werden dürften, entfaltet sich auch der nötige politische Druck. Denn die Krise sollte unbedingt genutzt werden, die eigentlichen Ursachen dieser Misere anzugehen: die Wetten in riesigen Maßstäben im internationalen Finanzsektor, die Steueroasen und Briefkastenfirmen, die eine Verfolgung der Finanzströme unmöglich machen. Auch die immer komplizierteren "strukturierten Finanzinstrumente", die in keinen Bilanzen auftauchen müssen, geschweige denn sofort offen deklariert werden.

Hier muss gehandelt werden, bevor sich der Finanzsektor gefangen hat und wie in der Vergangenheit seine ungeheure Lobbymacht wieder entfaltet und Politik und Öffentlichkeit mit immer neuen Nebelwerfern ablenkt. Denn natürlich brauchen wir eine internationale Finanzindustrie. Aber sie muss neu organisiert werden - nach kontrollierbaren Regeln. Bisher war sie darauf ausgelegt, dass zuletzt die Masse der Anleger die Dummen waren. Da ist es kein Wunder, dass beim Platzen einer Kreditblase Panik ausbricht.

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Reiner Metzger
Leiter Wochenendtaz
Reiner Metzger, geboren 1964, leitet taz am Wochenende zusammen mit Felix Zimmermann. In den Bereichen Politik, Gesellschaft und Sachkunde werden die Themen der vergangenen Woche analysiert und die Themen der kommenden Woche für die Leser idealerweise so vorbereitet, dass sie schon mal wissen, was an Wichtigem auf sie zukommt. Oder einfach Liebens-, Hassens- und Bedenkenswertes gedruckt. Von 2004 bis 2014 war er in der taz-Chefredaktion.
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3 Kommentare

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  • HB
    Hans Bug

    "Keine Panik?" Die größte Gefahr in der Finanzkrise geht wohl längst nicht mehr von den Banken selbst aus. Viel bedrohlicher kommen zurzeit die selbsternannten Krisenmanager daher, egal ob ein G.W. Bush, der von Banken genauso viel Ahnung hat wie von Diplomatie, oder neuerdingst unser werter Nicolas Sarkozy. Denn: Wenn der sich mit seinen Plänen durchsetzt, dann folgt der Finanz- eine Systemkrise!

     

     

    Jeder der mal über den Tellerrand hinaus informiert sein will, sollte sich das ansehen!

  • M
    Meisenkayser

    Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet von den neoliberalen Deregulierungs- und Privatisierungsfanatikern plötzlich eine Verstaatlichung der Banken gefordert wird. Die Frage allerdings, wo das ganze Geld für das sog.

    "Rettungspaket" stammen soll, bleibt unbeantwortet. Für die Ausgaben im Sozial-, im Bildungs- und Gesundheitsbereich war jedenfalls ja angeblich in den letzten Jahren kein Geld mehr übrig.

  • AT
    Annette Thienel

    Warum prangert eigentlich niemand das Day-Trading und den Sekundenhandel an?Jede Unterstützung durch Regierungen wird doch sofort von solchen Händlern abgezockt.

    Darüber hört man überhaupt nichts in der Presse. Ist dieser Mechanismus überhaupt nicht bekannt?Ihren Kommentar hier eingeben