Kettenreaktion an der Börse: Die Herde trampelt los

Tag für Tag pflanzt sich die Panik an den Börsen der Welt fort. Der Ausgangspunkt: Die USA. Die Auswirkungen sind weltweit zu spüren.

Wenn die Stimmung an den Börsen schlecht ist. Bild: dpa

In der weltweiten Finanzkrise zeichnet sich ein typisches Muster ab: Erst bricht der Börsenindex Dow Jones in den USA ein, dann pflanzt sich die Panik nach Asien fort, und schließlich erwischt es den deutschen DAX. Zeitverzögert wandert der Crash dann rund um den Globus. So war es in dieser Woche nahezu Tag für Tag.

Aber der Startpunkt ist eben immer derselbe: Die Panik geht von den USA aus. Dabei beunruhigt die Beobachter besonders, dass die Stimmung an der US-Börsen innerhalb von Minuten kippen kann. So begann etwa der Donnerstag ganz ruhig. Erst in der letzten Handelsstunde brach der Dow Jones dann schlagartig zusammen. Marktbeobachter sprachen von einer "Kernschmelze des Finanzsystems" oder auch von einer "Kapitulation der Märkte". Das sind große Worte. Dahinter mag sich auch ein bisschen Hysterie verbergen. Schließlich neigen Börsianer zum Herdenverhalten: Erst waren viele Händler allzu optimistisch überzeugt, an einem Boom teilzunehmen - nun verfallen sie genauso radikal in eine Massendepression.

Doch jenseits dieser psychologischen Anfälligkeiten gibt es sehr gute Gründe, anzunehmen, dass die USA in einer desaströsen Krise stecken, die weit über den Finanzsektor hinausreicht. Denn es ist aufschlussreich, was den Kursrutsch am Donnerstag ausgelöst hat: Unter den Händlern sprach sich herum, dass die sehr einflussreiche Ratingagentur Standard & Poors erwäge, die Kreditwürdigkeit des Autokonzerns General Motors abzuwerten. Daraufhin brachen die Kurse von General Motors und Ford dramatisch ein. Die Börsianer decodierten eben sehr genau, was die Ankündigung von Standard & Poors zu bedeuten hat: Faktisch ist General Motors pleite.

So wird ein Szenario denkbar, das die Grundfesten der USA erschüttert: Nicht nur der Finanzsektor muss weitgehend verstaatlicht werden, sondern auch noch die Automobilindustrie und vielleicht sogar die Fluglinien. In den USA wirkt die Finanzkrise wie ein Brandbeschleuniger, der alle Schwelfeuer in der Realwirtschaft dramatisch entflammt.

Denn wirklich neu sind die Probleme bei Ford, General Motors und Chrysler nicht. Viel zu lange haben sie trotz der steigenden Ölpreise an ihren Riesenschlitten festgehalten. Auch die gigantischen Verluste von einer Milliarde Dollar pro Monat und Firma sind schon regelrecht Routine. Aber wegen die Finanzkrise wird es eben sehr schwierig, noch Kredite zu erhalten. Zudem haben sehr viele Amerikaner bisher auf Pump konsumiert. Sie müssen jetzt sparen, und so bricht der Absatz bei den Autokonzernen weiter ein. Es ist ausweglos.

Die Krise in den USA wird auch die Exportnation Deutschland treffen. Schließlich waren die Amerikaner bisher gute Kunden für die bundesdeutschen Unternehmen. Zudem hat die GM-Tochterfirma Opel auch hier mit ihrer Produktpalette zu kämpfen - und musste europaweit vorübergehende Werksschließungen ankündigen. Das hat auch die Standorte Bochum und Eisenach getroffen.

Die jetzige Krise in den USA ist letztlich ohne Vorbild. Seit dem Zweiten Weltkrieg ereigneten sich die wirklich schweren Bankzusammenbrüche und Finanzkrisen in den Schwellenländern oder in der Dritten Welt. Stichworte sind die Rubelkrise, die Asienkrise oder der Staatsbankrott von Argentinien. Diesmal aber findet der Crash mitten in den Industrieländern statt. Das gab es zuletzt in der Weltwirtschaftskrise ab 1929. Und noch etwas fällt an dieser Krise auf: Der Crash ist umfassend. Die Kurse fallen nicht nur für Aktien, sondern auch für Rohstoffe und Immobilien. "Auf allen Märkten wurde gleichzeitig spekuliert. Das ist historisch einmalig", sagt Stephan Schulmeister vom österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). "Dieses gigantische Wettbüro bricht jetzt zusammen."

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