Max-Planck-Forscher über Vertrauen: "Die Banken verkriechen sich"

Was die Versuche, das Bankensystem zu retten, mit Münchhausen zu tun haben und warum Vertrauen unverzichtbar ist: Betriebswirt Guido Möllering über psychologische Faktoren in der Wirtschaftskrise.

Vertrauen ist Willenssache, sagt Möllering. Bild: Möllering

Herr Möllering, Sie sind Vertrauensforscher.

Nein, Betriebswirt. Aber ich habe mich intensiv damit befasst, welche Rolle Vertrauen für die Funktion von Märkten und Unternehmen spielt.

Und?

Kurz gesagt: Vertrauen ist unverzichtbar.

Wie beurteilen Sie die verzweifelten Versuche, das Finanzsystem zu retten?

Das erinnert mich stark an den Baron Münchhausen. Der wollte sich auch am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Eigentlich ist es unmöglich, ein Märchen. Aber wenn alle dran glauben, dann kann es tatsächlich klappen -- auch im richtigen Leben. Vertrauen ist immer Glaubens- und Willenssache. Es ist wichtig, dass alle relevanten Akteure zeigen, dass sie unbedingt die Stabilität des Systems zurückgewinnen wollen.

Aber ist es nicht naiv und gefährlich zu glauben, man könne Vertrauen künstlich erzeugen?

Viel gefährlicher ist es, wenn kein Vertrauen mehr da ist oder gar Misstrauen herrscht. Das erleben wir doch gerade. Stellen Sie sich mal vor, was passieren würde, wenn wir alle zur Bank rennen und unser Geld holen.

Das völlige Mißtrauen.

Eben, Vertrauen kann immer enttäuscht werden. Aber es kann auch dafür stehen, dass Marktteilnehmer wieder eine positive Erwartungshaltung bekommen -- obwohl sie sich verwundbar und ungewiss fühlen. Vertrauen geht immer über die guten Gründe hinaus. Das macht handlungsfähig -- und zugleich verwundbar.

Ganz allgemein: Wie kann man Vertrauen schaffen?

Durch Offenheit auf der einen Seite und Verantwortungsbereitschaft auf der anderen Seite. Man muss gegenseitig Freiräume anerkennen und darf sie nicht missbrauchen. Das schafft Vertrauen. Schon ein Handschlag bei der Begrüßung sagt: "Wir lassen uns aneinander heran und tun uns nichts." So kann sich dann Vertrauen weiter aufbauen. Die beste Vertrauensquelle sind positive Erfahrungen und frühere erfolgreiche Kooperationen.

Banken und ihre Kunden machen derzeit aber gerade ganz schlechte Erfahrungen. Wie kommt da wieder ein positiver Vertrauensaufbau in Gang?

In der aktuellen Situation möchte man sich am liebsten verkriechen - und genau das tun die Banken. Leider. Sie müssen aber wieder hervorkommen und zeigen, dass sie verantwortungsbereit sind. Die Interventionen der Staaten und Zentralbanken machen es ihnen da eigentlich gerade sehr einfach.

Wie war es überhaupt möglich, dass das Vertrauen derart dramatisch zusammengebrochen ist?

Das liegt daran, dass Vertrauenswürdigkeit und Vertrauensbereitschaft gleichzeitig verloren gegangen sind. Man zweifelt an der Kompetenz, Solidarität und Integrität der anderen. Obendrein ist man auch über sich selbst verunsichert, weil man sich viel verwundbarer fühlt, die Welt nicht mehr versteht und weniger Selbstvertrauen hat.

Was müssen die Banken tun, um da wieder raus zu kommen?

Mittelfristig brauchen sie neue Spielregeln und andere Mechanismen um ihre Reputation wieder zu erzeugen. Die werden nicht perfekter sein als die alten, doch wenn alle sie akzeptieren, ist die Stabilität erst einmal wieder da. Kurzfristig brauchen wir insbesondere Signale der Verantwortungsbereitschaft. Natürlich glaubt man demjenigen, der sich verdächtig gemacht hat, am wenigsten, doch die Banken bekommen derzeit von allen Seiten die helfende Hand gereicht und brauchen nur zugreifen.

Was wäre gefährlich?

Gefährlich finde ich nach wie vor pauschale Forderungen nach "mehr Kontrolle" und "mehr Transparenz". Gerade dadurch wird aus organisationstheoretischer Perspektive das Misstrauen eher noch weiter zementiert. Auch die Forderung nach Strafen für die Manager greift zu kurz. Etwas mehr Druck kann wohl nicht schaden. Doch Vertrauen kann nicht erzwungen werden. Die Verantwortungsbereitschaft muss echt sein und von innen kommen.

Was sollten die Banken tun, um das Vertrauen ihrer Kunden zu gewinnen?

Sie sollten offen über die Konsequenzen der Krise informieren, zukünftig ihre Produkte besser erklären und dabei auch nicht verschweigen, womit die Bank selbst eigentlich ihr Geld verdient. Mehr Kundenorientierung ist also angesagt und das heißt dass man seine Produkte an die Kundenbedürfnisse anpasst und nicht umgekehrt.

INTERVIEW: CHRISTIAN FÜLLER

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben