Kommentar EU und Türkei: Milde Mahnungen
Die EU-Kommission lässt Erdoğan gewähren und mahnt nur sehr milde. Sie will sich alle Optionen offenhalten. Aus Rücksicht auf Angela Merkel?
E s soll die dickste aller roten Linien sein: Wenn Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Todesstrafe wieder einführt, dann sei Schluss mit lustig! Dann werde die Europäische Union die Beitrittsgespräche mit der Türkei automatisch abbrechen, heißt es in Brüssel. Demokratie und Menschenrechte seien nicht verhandelbar.
Doch wirklich ernst scheint es die EU mit dieser Warnung nicht zu meinen. Denn schon bei der Demokratie nimmt man es nicht so genau: Obwohl die Wahlbeobachter von OSZE und Europarat bemängeln, dass beim Referendum am Sonntag internationale Standards verletzt worden seien, zweifelt Brüssel den hauchdünnen Wahlsieg nicht an.
Man lässt Erdoğan gewähren – und beschränkt sich auf die milde Mahnung, „transparente Untersuchungen“ einzuleiten. Dabei hat der zum Alleinherrscher mutierte Präsident schon klar gemacht, was er von derlei Appellen hält: nichts. Er werde die Analysen der Wahlbeobachter nicht einmal lesen, höhnte Erdoğan.
Ziemlich mau ist auch die europäische Haltung zur Todesstrafe. Denn es bleibt offen, wann man denn endlich einschreiten will: Wird Brüssel reagieren, wenn das Parlament – wie von Erdoğan gefordert – Beratungen darüber aufnimmt? Oder erst bei Verabschiedung eines Gesetzes? Vielleicht noch später – bei der ersten Hinrichtung?
Die EU-Kommission legt sich nicht fest. Sie will sich alle Optionen offen halten – und stellt die vermeintlich klare rote Linie damit selbst in Frage. Doch warum wagt es Jean-Claude Juncker, der Präsident der angeblich so „politischen“ Kommission, eigentlich nicht, klare Kante zu zeigen? Warum haut er nicht endlich auf den Tisch?
In Brüssel glauben viele, dass er Rücksicht auf Kanzlerin Angela Merkel nimmt. Denn Merkel kann nicht noch mehr Ärger mit Erdoğan gebrauchen, schon gar nicht im beginnenden Wahlkampf. Deshalb ist die rote Linie so dünn geworden, dass sie niemanden mehr schreckt.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert