Kommentar Anschlag in Israel

Der Terror wird unberechenbarer

Ist der jüngste Anschlag in Jerusalem der Anfang einer Serie? Solange Abbas im Amt bleibt, stehen die Chancen gut, dass Bomben die Ausnahme bleiben.

Flammen und Rauch steigen aus dem brennenden Bus in Jerusalem am 18. April 2016

Brennende Busse gehören in die Zeit von Palästinenserführer Jassir Arafat Foto: reuters

JERUSALEM taz | Eben schien es noch, dass die Welle der Messerattentate, die seit September den israelischen Alltag überschattet, abflaut, da brennt ein Bus in Jerusalem. Über Stunden blieb am Montag unklar, ob der Bus durch einen Sprengsatz explodierte oder aufgrund eines technischen Defekts.

Ein so schweres Bombenattentat hat es schon viele Jahre nicht mehr gegeben. Brennende Busse, Explosionen in Einkaufszentren oder Restaurants gehören in die Zeit von Palästinenserführer Jassir Arafat. Der Auftrag seines Nachfolgers Mahmud Abbas an den palästinensischen Geheimdienst und die Polizei lautet nach wie vor, dort, wo sie die Kontrolle haben, die Terroristen zu jagen.

Die große Angst ist nun, dass der jüngste Bombenanschlag nur der erste in einer neuen Serie ist und in Stücke gerissene Linienbusse bald wieder zum Stadtbild gehören könnten. Solange Abbas im Amt bleibt und die Hoffnung auf den Frieden nicht aufgibt, stehen die Chancen gut, dass Bomben vorläufig die Ausnahme bleiben. Eine Schere oder ein Küchenmesser hat jeder bei sich zu Hause – nahezu unmöglich, solche Attacken zu verhindern. Doch für einen Sprengstoffanschlag durch einen Selbstmordattentäter braucht es Knowhow, Organisation und Hintermänner.

Der Terror in Israel wird so oder so immer unberechenbarer. Es gibt kein Täterprofil mehr, das dem Sicherheitsapparat bei seiner Arbeit von Nutzen wäre, und auch die Statistiken sind keine Hilfe. Die palästinensischen Angreifer der vergangenen Monate sind mal zwölf, mal über 50 Jahre alt gewesen, mal waren es Männer, mal Frauen, mal erfolgte der Angriff mit dem Messer, mal mit einem Auto und dann wieder mit einer Schusswaffe – und jetzt auch mit improvisierten Sprengstoffladungen aus dem heimischen Chemielabor. Überall in Israel ist das die neue Realität. Vier Wochen Ruhe sind keineswegs eine Garantie dafür, dass auch in der fünften Woche kein Blut fließen wird.

In diesen Tagen tourt der über 80-jährige Palästinenserpräsident durch Europa, um sich Rückendeckung zu holen für eine UN-Resolution gegen den Siedlungsbau, aber auch für eine internationale Friedenskonferenz. Er braucht Unterstützung, denn der politische Druck muss auch von außen kommen.

Innerhalb eines Jahres will Abbas die Zwei-Staaten-Lösung erreicht haben. Noch wäre das möglich. Die ausgestreckte Hand des Palästinenserpräsidenten verdient es, ergriffen zu werden – nicht nur von Europa und den USA, sondern auch jenen arabischen Staaten, die eine Lösung für den Nahostkonflikt unterstützen. Je breiter die internationale Friedensfront angelegt ist, desto besser stehen die Chancen auf Erfolg.

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Seit 1999 taz-Nahostkorrespondentin in Israel und Palästina, Jahrgang 1961

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