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Kommentar 500 Jahre Reinheitsgebot Gutes Bier braucht Streit

Jörn Kabisch

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Jörn Kabisch

Das Reinheitsgebot ist keine qualitätssichernde Bestimmung mehr. Sondern ein Marketinginstrument, das an seine Grenzen stößt.

V orweg: Das deutsche Bier ist gut, sehr gut sogar. Über 5.500 Sorten aus mehr als 1.300 Brauereien: das ist eine beispiellose Vielfalt und spricht für die deutsche Bierkultur. Sie ist inzwischen so hoch, dass Gerstensaft heute nicht nur in Maßkrügen, sondern auch in Schwenkern auf weißen Tischdecken serviert wird. Und ganz sicher hat das sogenannte Reinheitsgebot daran seinen Anteil. Es ist nicht nur die DNA des deutschen Biers, wie Verbandsvertreter betonen, es ist nicht nur ein bayrisches, sondern ein deutsches Kulturgut.

Gute Kultur zeigt sich aber immer besonders dann, wenn man über sie streitet, über sie diskutiert und ihr damit neues Leben verleiht. Das ist es, was in der Brauszene gerade zu beobachten ist.

Das 500-jährige Jubiläum des bayrischen Reinheitsgebots ist ein guter Anlass. Die Feierlichkeiten in diesem Jahr sind so häufig. Da reicht es nicht, einfach immer nur „Hopfen und Malz, Gott erhalt’s!“zu rufen. Der Spruch wird schnell schal werden.

Wer sich mit dem Reinheitsgebot nur ein wenig beschäftigt, stellt schnell fest: Der heutigen Auffassung, was rein sein soll, entspricht es nur noch bedingt. Eine lebensrechtliche, qualitätssichernde Bestimmung ist es im Grunde nicht mehr. Sondern ein Marketinginstrument, das an seine Grenzen stößt.

In seinem Schatten konnte sich zum Beispiel eine hochtechnisierte Industrie entwickeln. Was jüngst auch die Unesco zum Argument nahm, den Antrag auf Aufnahme ins Weltkulturerbe fürs Erste abzulehnen. Und wenn mal jemand mit dem Gebot in Konflikt kommt, dann sind es die Kleinen auf dem Markt, die aus den alten Pfaden ausbrechen wollen.

Für den Horizont heutiger VerbraucherInnen ist das Gebot deshalb nicht mehr tauglich. Sie werden seit Jahren immer bewusster, stellen kritisch Fragen, wie Lebensmittel produziert werden und woher sie stammen, längst auch abseits des Biosegments. Transparenz ist in der Ernährungswirtschaft daher das Gebot der Stunde. Beim Bier hat man wegen des Reinheitsgebots dazu bisher noch am wenigsten Anlass gesehen.

Es geht nicht darum, Standards aufzuweichen, ganz im Gegenteil. Qualitätssicherung erfordert Streit und Diskurs. Traditionspflege kann nicht alles sein. Denn eines hat das Reinheitsgebot nie verhindern können: Besser als das vor 500 Jahren schmeckt und ist heutiges Bier ganz bestimmt.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Jörn Kabisch

Jörn Kabisch Autor

Wirt & Autor für taz und FuturZwei
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2 Kommentare

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  • Saccharomyces cerevisiae

    So kann es gehen, wenn kein Reiheitsgebot den Konsumenten vor "unbedenklichen" Zusätzen schützt: https://en.wikipedia.org/wiki/Dow_Breweries

  • 8G
    86548 (Profil gelöscht)

    Die TAZ plädiert gegen Protektionismus (nichts anderes ist das Reinheitsgebot) und für Liberalisierung des Bier-Marktes. Ich bin überrascht. Das ist doch eigentlich FDP-Programm.