Kolumne Später

„Lost Love“ quillt über

Aufreißerkurse und Flirttipps sind wieder angesagt. Funktioniert das überhaupt noch für Leute ab 50?

Wie soll man die Rätsel der Liebe lösen, wenn schon der Paarzwang beim Sockensortieren solch ein Problem ist? Bild: dpa

Neulich besuchte mich Tine spontan an meinem freien Tag und traf mich bei der Hausarbeit an. Ich hatte den Wäschekorb mit den frisch gewaschenen, aber unsortierten Socken auf das Bett geleert. Das ist immer wieder eine Herausforderung, die passenden Socken zusammenzustecken: die mit dem gleichen Bund, der gleichen Farbe, dem gleichen Material. Bei mir bleiben immer Einzelsocken übrig, weiß der Teufel, warum. Die landen dann in einer Schublade, die ich „Lost Love“ getauft habe. Merkwürdigerweise findet sich nur in seltenen Fällen das Gegenstück wieder ein. „Lost Love“ quillt fast über. Traurig.

Tine ignoriert meine Hausarbeit, lässt sich im Sessel nieder, sie ist heute gesprächig. „Wie sich alles wiederholt. Jetzt sind wohl Aufreißerkurse für Männer wieder im Kommen“, sagt sie.

„Aha.“ Ich habe schon wieder zwei Einzelsocken ausgemacht.

„Die Tipps klingen dann so: Der Mann soll auf die Frau eingehen, ihr geduldig zuhören und dann wieder den Coolen, Distanzierten spielen“, fährt Tine fort, „das soll das Erfolgsrezept sein, um bei Frauen gut anzukommen.“

„Vielleicht sind wir zu alt dafür?“, frage ich.

„Nein, wir brauchen besondere Flirttips“, meint Tine, „Männer werden mit den Jahren weiblicher, das ist hormonell erwiesen, also sollten die Frauen in mittleren Jahren vielleicht ein männlicheres Flirtverhalten an den Tag legen. Etwa so: Sie erkundigt sich einfühlsam nach den Rückenproblemen des Mannes und gibt dann wieder die Coole, Distanzierte. Pull and Push.“

„Interessante Theorie.“

„Natürlich sollte man als Frau über 50 dann gegenüber dem älteren Mann keinesfalls von den eigenen Gesundheitsproblemen reden, sondern lieber von irgendwelchen Reiseplänen sprechen. Das macht jünger“, verkündet Tine.

Hm. Immerhin drei Sockenpaare habe ich schon zusammengesteckt. Neulich bin ich in einem Esoterik-Buchladen auf das Buch gestoßen: „Warum die Waschmaschine Socken frisst und andere Rätsel des Alltags.“ Die verschwundenen Socken sind ein ungelöstes Problem.

„Hör mal, hast du auch solche Probleme, wenn nach der Wäsche dauernd einzelne Socken fehlen?“, frage ich Tine. Sie schaut mich entgeistert an: „Himmel, ich rede mit dir über Männer und du interessierst dich für Socken! Ist das jetzt das Alter oder was?“

Nee. Aber was nützen schon Theorien. Meine Altersgenossinnen F. und K. haben wieder neue Partner gefunden. Keine Typen, die nach Flirtratgebern Frauen anmachen oder Chancen auf dicke Chefrollen haben. Zu schüchtern, zu klein, zu depressiv. Aber supernett. F. und K. scheinen recht glücklich zu sein. Wenn man schon nicht mal erklären kann, wohin die Socken in der Waschmaschine verschwinden, wie soll man dann erst die Rätsel der Liebe lösen?

„Weißt du was: Kauf dir doch immer die gleiche Sorte Socken, dann passen die immer zusammen“, rät Tine, „schwarz, Baumwollgemisch, schmaler Bund. Gibt es günstig im Drogeriemarkt.“ Sie hat wirklich gute Ideen. Schluss mit dem Pärchenzwang. Socken, die zu allen Socken passen. Dann könnte ich meine Schublade „Lost Love“ ausräumen und anderweitig benutzen.

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Redakteurin für Sozialpolitik und Gesellschaft im Inlandsressort der taz. Schwerpunkte: Arbeit, Psychologie, Alter, Flüchtlinge. Bücher: "Schattwald", Roman (Piper, August 2016). "Können Falten Freunde sein?" (Goldmann 2015, Taschenbuch).

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