Kolumne Kreaturen

Der Horrorclown von Burhave

Das fratzenhafte Lachen, die leichenblasse Haut – ganz klar, Clowns sind das personifizierte Böse. Und auch an der Nordseeküste wartet einer auf uns.

Gut sichtbar im Hintergrund: die Skyline von Bremerhaven. Bild: privat

An einem dieser goldenen Septembertage, ich bin gerade auf Heimaturlaub in Oldenburg, mache ich einen Ausflug an die Küste. Genauer: an den Grünstrand Burhave, von dem aus man laut Tourismusprospekt auf die „Skyline von Bremerhaven“ blicken kann, also auf die Kräne des Containerhafens.

Ich schreibe „Küste“ und nicht „Meer“, denn erstens ist niemals Flut, wenn ich von Oldenburg zur Nordsee fahre, ich bin der Anti-Mond oder so was, und zweitens ist die Gegend dort so flach, dass sich das Wasser bei Ebbe einen Kilometer zurückziehen kann. Was bleibt, ist Wattenmeer, da kann man dann durchstapfen und Ausschau halten nach den Wattwurmkothaufen, die aussehen wie Spaghettieis aus Schlick, und zur Belohnung kriegt man die Fußnägel auch fünf Tage später nicht sauber.

Vorn am Parkplatz hängt ein Aushang für den Wattfußball, „Treffen an der Clownsdusche“. Clownsdusche. Haha. Das Lachen bleibt mir im Hals stecken, denn da ragt ein drei Meter hoher Clown aus der Strandkorbwüste voller süddeutscher Einskommavier-Kinder-Familien heraus. Der Clown hat riesige Ohren, trägt Latzhose, Boxhandschuhe und einen winzigen Hut in der Ekelkombination Hellgelb, Himmelblau, Jägergrün und Kackebraun, die Farben sind ausgebleicht. Damit Wasser im dünnen Strahl aus den Händen und der langen braunen Nase läuft, muss man einen Knopf im Schritt des Clowns drücken, er befindet sich ungefähr auf Kopfhöhe eines Sechsjährigen.

The Horror! The Horror! Die Clownsdusche von Burhave steht auf einer Stufe mit Pennywise aus „Es“, dem Massenmörder John Wayne Gacy (alias „Pogo der Clown“), der Insane Clown Posse, dem Joker, dem „Spawn“-Antagonisten Violator und all den anderen Spaßmachern, die in den letzten 30 Jahren für die berechtigte Umdeutung des Clowns vom Publikumsliebling Lisa%27s_First_Word.jpg:zur Horrorfigur gesorgt haben. Die fratzenhafte Maske, das kranke Lachen, die leichenblasse Haut – ganz klar, Clowns sind böse, und es gibt inzwischen sogar einen Namen für die Angst vor Clowns, Coulrophobie heißt sie und unter anderem leidet Kramer aus „Seinfeld“ an ihr (eine mögliche Erklärung ist der Uncanny-Valley-Effekt).

Ein paar Tage später schaue ich ein Spiegel-Online-Video über die nordirakische Metropole Arbil – „Eine Stadt in Angst“, vor den IS-Milizen natürlich – und in einem verwaisten Schwimmbad steht auf einmal wieder dieser Clown, diesmal ist die Nase orange. Die Clownsdusche ist also gar kein Burhaver Original, sondern ein Massenprodukt. Hergestellt aus glasfaserverstärktem Kunststoff von der Firma „Roigk Schwimmsportgeräte und Wasserattraktionen“, zu deren Produktpalette auch Wasserpilze, Schwengelpumpen und diverse wasserspeiende Tiere mit doofen Namen gehören, wie der Delfin Flippo, Nashorn Bubu, Seehund Balena oder Hühnchen Pucky.

Auch der Clown hat einen Namen: „El Duscho“. Wie in so einem Spaghettiwestern: El Duscho zahlt in Blei. Für einen Sarg voll Seife. El Duscho: Wasserdampf in Casa Grande. Andere beten – El Duscho säubert. Duscho – die Bibel ist kein Wasserspiel. El Duscho, bunter Gott des Todes.

The Horror! The Horror!

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Jahrgang 1980, lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist, Redakteur und Lektor, unter anderem für die taz, zeit.de und fluter.de. Schreibt Kolumnen, Rezensionen und Alltagsbeobachtungen im Feld zwischen Popkultur, Medien, Internet, Berlin, Sport und Tieren.

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