Kolumne Fernsehen: Der Kampf zwischen Gut und Böse
Wer die Motive der amerikanischen Außenpolitik verstehen will, der muss ins US-Krimigenre schauen.
Wer hat die beiden Töchter von Monika und Reinhard Weimar umgebracht? Was wusste Nitribitt? Was verschwieg Vera Brühne? Kriminalfälle üben eine große Faszination auf die Öffentlichkeit aus, weltweit. In den USA ist das Interesse besonders ausgeprägt. Mehrere Fernsehsender füllen fast ihr gesamtes Programm mit diesen Themen, auch Nachrichtenkanäle strahlen regelmäßig Sondersendungen dazu aus, manche Verdächtige sind prominenter als Popstars.
Die Dokumentationen sind oft sehr gut gemacht. Interviews mit Verwandten von Tätern und Opfern, mit Polizisten, Jurymitgliedern, Verteidigern, Staatsanwälten. Jeder Winkel des Umfelds einer Tat wird ausgeleuchtet. Wer fand welches Verhalten wann seltsam? Womit erregte der Täter Verdacht? Welchen Ruf hatte das Opfer? Kaum ein anderes Programm verrät so viel über Lebensbedingungen und Normen einer Gesellschaft wie diese Sendungen.
Trotzdem hinterlassen sie bei mir ein schales Gefühl. Fast immer habe ich den Eindruck, unzureichend informiert worden zu sein. Der Grund: Die Frage nach dem Motiv - in vergleichbaren Programmen bei uns ein zentraler Aspekt - spielt nur eine geringe Rolle. Es geht fast ausschließlich um die Frage, ob und wie ein Täter überführt werden kann. Um Ermittlungsarbeit also. Verständnis für Gesetzesbrecher ist in den USA keine mehrheitlich akzeptierte, gesellschaftliche Norm.
Nicht einmal dann, wenn es sich um Kinder handelt. Alex und Derek King waren 12 und 13 Jahre alt, als ihr Vater im Schlaf mit einem Baseballschläger getötet wurde. Die Brüder legten ein Geständnis ab - der Staatsanwalt hielt eine lebenslängliche Haftstrafe in einem Gefängnis für Erwachsene für richtig. Sie in eine Jugendstrafanstalt zu bringen, spräche "der Gerechtigkeit Hohn", erklärte er. Hätten sie doch "das schwerste aller Verbrechen" begangen.
Die beiden Jungen hatten eine schlimme Kindheit. Heimaufenthalte, Pflegefamilien, Gewalt. Alex wurde von einem Freund der Familie sexuell missbraucht, der jetzt wegen Beihilfe zu dem Mord eine langjährige Haftstrafe verbüßt. Für die Jury spielte das nur eine untergeordnete Rolle. Die Brüder wurden zu einer Mindeststrafe von 22 Jahren Gefängnis verurteilt.
Die US-Gesellschaft ist komplizierter als ihr Ruf in manchen europäischen Kreisen. Menschenrechtler setzten sich für die beiden ein. Das Urteil wurde aufgehoben und die Jugendlichen zu sieben und acht Jahren Jugendstrafe verurteilt. Der inzwischen 18-jährige Alex King kam vor einigen Tagen frei, sein Bruder wird nächstes Jahr entlassen. Alles gut?
Na ja. In manchen Fernsehsendungen wurde über die Kinder berichtet, als handele es sich um kaltblütige Profikiller. Was nur deshalb bemerkenswert ist, weil es sich eben um Kinder handelte. Bei anderen Kriminalfällen ist das ohnehin die Regel.
Nicht um Zweckmäßigkeit und um die Abwägung gesellschaftlicher Interessen gegenüber dem Recht der Täter auf Wahrnehmung ihrer jeweiligen Situation scheint es in der öffentlichen Reaktion auf Strafprozesse zu gehen, sondern um einen archaischen Kampf: den Kampf zwischen Gut und Böse. Vielleicht kann man dank solcher Fernsehdokumentationen nicht nur die Gesellschaft der USA besser verstehen, sondern auch die Motive der US-Außenpolitik.
Anders als der Krieg gegen den Irak ist der Krieg gegen Afghanistan in den Vereinigten Staaten überhaupt nicht umstritten - ungeachtet der Tatsache, dass er islamistischen Terroristen eher Zulauf zu verschaffen als ihnen Verluste beizubringen scheint. Auf die Frage, warum dieser Krieg nicht umstritten ist, haben mich Gesprächspartner aller politischen Richtungen in den letzten Monaten verblüfft angeschaut: Alle Schuldigen für die Anschläge vom 11. September müssten doch bestraft werden. Ein wichtigeres Ziel gebe es nicht. Nützlichkeitserwägungen? Kein Thema. Es gibt Leute, vor denen ich sehr viel mehr Angst habe als vor Profikillern.
Fragen zu Killern? kolumne@taz.de Morgen: Dieter Baumann über das LAUFEN
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