Kolumne Die eine Frage

Darf man die Bayern lieben?

Wer für grandiosen Fußball brennt, kommt an Josep Guardiolas FC Bayern München nicht vorbei. Da hilft weder Nörgeln noch Mäkeln.

Bei Josep Guardiola werden selbst Bayern-Hasser schwach. Bild: dpa

Es geht nicht darum, dass noch kein Bundesligateam zuvor bereits im März deutscher Meister geworden ist. Auch nicht um die anderen Superlative. Das alles ist nur eine Folge dessen, worum es geht: Die Bayern haben im erstem Jahr des Trainers Josep Guardiola vereint, was fast nicht zu vereinen ist: Ihr Fußball ist maximal effizient, maximal ästhetisch und maximal modern. Woraus sich die eine Frage ergibt: Darf man den FC Bayern München lieben?

Wir sprechen hier nicht von den Traditionsanhängern der Bayern, für die sich die Frage nicht stellt. Wir sprechen nicht von der Mehrheit der Bayern-kritischen Interessierten, für die sich das Unterhaltungsniveau des Fußballs über den Spannungsfaktor definiert, also die Frage: Wird Bayern nicht Meister? Kann mein Verein die Bayern schlagen? Diese beiden Fragen haben sich in dieser Saison nicht gestellt, weshalb schnell ein Nörgeln einsetzte. Selbstverständlich gibt es auch eine Onlinepetition zur Abschaffung der Bayern. Begründung: „Da es sonst zu langweilig im Fußball wird.“ Daraus ergibt sich die Sorge der angeschlossenen Ökonomie: Die Geschäfte könnten leiden.

Das ist das Außergewöhnliche am Kulturangebot Fußball: Die Spannungsbreite. Trash, Popkultur, Hochkultur, Wissenschaft – es liegt im Auge des Betrachters. Und damit zum Problem: Wer für die Entwicklung des modernen Fußballs brennt, der kommt auch als rechtmäßiger Bayern-Hasser an Guardiolas Work in Progress unmöglich vorbei.

Chinas berühmtester Künstler darf sein Land nicht verlassen, aber seine Kunst reist um die Welt. Wie Ai Weiwei die taz-Titelseite gestaltet, sehen Sie in der taz.am wochenende vom 29./30. März 2014 . Außerdem: Welchen Wert hat das Geheimnis in Zeiten von NSA? Mit Geheimnis-Psychotest: Sind Sie eher Angela Merkel oder Hans-Peter Friedrich? Und: Wie ist die Lage in Zentralafrika, ein Jahr nachdem muslimische Rebellen die Macht übernommen haben? Ein Besuch in Bangui. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Berauschender Fußball

Es ist der Witz des Jahrhunderts: Bayern, das auch in den erfolgreichsten Jahren immer eine Effizienzmaschine war und langweilig anzusehen; das nur ein einziges Mal Vorsprung durch Innovation hatte – den Libero Beckenbauer als Überzahlspieler in Ballnähe – dieses Bayern spielt nun einen dermaßen modernen und berauschenden Fußball, dass Borussia Dortmund und auch der FC Barcelona da stehen wie die Bundesgrünen: Eben noch vorn dran, jetzt erst mal abgehängt.

Nun wird der aufrechte Moralist auf den zurückgetretenen Präsidenten Uli Hoeneß zu sprechen kommen, auf die Art, wie der Klub dessen massiven Rechtsbruch gutheißt. Auf die Nähe des Klubs zur Freistaatspartei, zu Audi, Adidas, Allianz und womöglich sogar zum Focus. Auf das asoziale Geschäftsgebahren, etwa der Konkurrenz die besten Leute wegzukaufen. So was lieben? Demnächst darf man dann auch die CDU wählen?

Nun, wir wollen die Leute nicht heillos verunsichern. Nur so viel: Stimmt, die Bayern sind ein mit vielen Wassern gewaschener Fußballkonzern. So wie Dortmund und die anderen wettbewerbsfähigen Clubs auch.

Und in diesem Moment spielen sie einen Fußball zum Niederknien. Unabhängig davon, ob Guardiola die maximale Titelausbeute seines Vorgängers Jupp Heynckes erreicht: Sein FC Bayern auf dem Rasen ist das größte Geschenk, das man dem Fußball und das man mittels Fußball machen kann. Wer das nicht sehen, wer das nicht fühlen kann, der verpasst wirklich was.

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Chefreporter der taz, Kolumnist und Autor des Neo-Öko-Klassikers „Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ (Dumont). In seinem neuesten Buch „Autorität ist, wenn die Kinder durchgreifen“ (Ludwig) erzählt er das Drama der modernen Familie als Komödie. Sein Bruder ist der „Ökosex“-Kolumnist und -Rock'n'Roller Martin Unfried

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