Kolumne Der Rote Faden: Koranfrickeln in Rakka

Das Niveau der Mohammed-Verehrung sinkt, manche würden gerne Griechen foltern und statt Hölle gibt es nur Guantánamo. Ein Wochenrückblick.

Am Dienstag veröffentlichte Isis das Video vom Mord an einem jordanischen Piloten. Bild: ap

Das Niveau der Prophetenverehrung beim Islamischen Staat sinkt. „Niemand darf mit dem Feuer bestrafen außer Gott.“ So hat es Mohammed gesagt, und wenn bisher etwas die Kernkompetenz der Herren aus Rakka war, dann doch wohl die wortwörtliche Befolgung von Koran und prophetischen Ratschlägen. Doch seit sie Anfang der Woche das Video von der Verbrennung eines jordanischen Piloten ins Internet gestellt haben, ist klar: Die nehmen sich aus der guten alten Zeit auch nur das, was sie gerade brauchen.

Der Prophet habe das mit dem Verbot der Verbrennung damals nicht wörtlich gemeint, verlautbarte al-Baghdadis Truppe, sondern irgendwie als „Ausdruck menschlicher Demut“.

Das kennt man sonst von Politically Incorrect oder aus Dresden: Hier eine Sure genommen, da ein Rülpser aus den Hadithen zitiert, und fertig ist der Islamfaschismus. Isis im Pegida-Modus. Die Kalifatskämpfer möchten gern direkt aus dem Mittelalter kommen, sind aber so gegenwärtig wie die iPhones, die sie benutzen. Interpretation bedeutet Moderne.

Hierzulande wird die Selbstbeschreibung der Dschihadisten gern übernommen, sie seien ein archaischer Stamm, der aus der Fremde ferner Zeiten und Länder über den Jetztmenschen gekommen sei. Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier erzählt diese Mär, wenn er sagt: „Sollte sich das Video als echt erweisen, läge das jenseits aller menschlichen Vorstellungskraft. Einmal mehr würde Isis zeigen, dass sie außerhalb der zivilisatorischen Normen agieren.“

Das wäre dann doch die Frage: wie Zivilisation definiert wird. Das Römische Reich, Quelle unserer Kultur, gepriesen wegen seiner Wasserklos – leider ein Folterstaat. Die deutschen Länder bis ins 18. Jahrhundert: Folterstaaten. Gerade das Verbrennen war lange eine Lieblingsbeschäftigung des christlichen Abendlandes. Und der Holocaust … Aber gut, das ist alles so lange her. Heute ist die Lust am Grausamen allenfalls noch Stoff für Späße unter Freunden.

„Griechenland buhlt um die Hilfe der Deutschen – im Finanzministertreffen“, schreibt @FranziNeubauer beim Kurznachrichtendienst Twitter. „Für den Finanzvernichter hätte ich etwas spezielles!“, schreibt @Harald70199 zurück. Und postet ein Bild von einem Pranger mit einer als Hexe verkleideten Frau. Es hat etwas von Mittelaltermarkt, es ist beinahe niedlich. Das findet auch @DeisterEdith: „Untertreib nicht immer so.“ „Ok dann leg ich was drauf!“, schreibt @Harald70199 und schickt eine Illustration von einem Mann, der aufs Rad geflochten wird. Was soll die Folter in Gedanken …

Ein Einzelfall. Sicherlich. Und eine Verletzung der journalistischen Regel, nicht irgendwelche Hampel aus dem Internet zu zitieren, also zurück zu bedeutenden Hampeln, die öffentlich zu ihren Gelüsten stehen.

//news.vice.com/article/us-senator-guantanamo-detainees-can-rot-in-hell:Die Häftlinge im Lager Guantánamo sollten „in der Hölle verrotten“, findet der Senator des US-Bundesstaates Arkansas, Tom Cotton, „but as long as they can’t do that, they can rot in Guantanamo Bay“. Der Republikaner sagte das am Dienstag in dem Senatsausschuss, der das Verteidigungsministerium kontrollieren soll. Zuvor hatte ein Abgesandter des Ministeriums gesagt, das Lager auf Kuba sei zu einem Rekrutierungswerkzeug von Terroristen geworden. Es sei kein Zufall, dass die Henker des Islamischen Staates ihre Opfer in das Orange der Häftlinge von Guantánamo kleideten.

Viele Häftlinge sitzen dort ein, ohne dass es einen Beleg für Verbrechen gäbe. Von den noch 122 Insassen sollten 54 eigentlich freigelassen werden. Und es wurde gefoltert. Vermeintlich sanft, wie US-Behörden behaupten, aber das liest sich im kürzlich erschienen „Guantanamo-Tagebuch“ des mauretanischen Häftlings Mohamedou Ould Slahi anders. Tortur in Schichten. Stundenlanges Stehen unter Ischiasschmerzen, angekettet; in den Pausen lassen Wärter den Häftling nicht schlafen. Wieder Stehen, zwischendurch Beschallung mit lauter Musik. Tagelang. Wochenlang.

Slahi konnte nie eine Schuld nachgewiesen werden. Dennoch hat er kein antiamerikanisches Pamphlet geschrieben. Er unterscheidet zwischen freundlichen Bewachern und grausamen, zwischen den zurückhaltenderen Männern und Frauen des FBI und den hemmungslosen des Militärs. Und als er im Verhör barsch wird, weil ihm der Vernehmer nicht sagen will, warum er eigentlich gefangen gehalten wird, schreibt er: „Ich gebe zu, dass ich mich gegenüber ihm unhöflich verhielt, aber ich war wütend.“ Slahi reflektiert. Manchmal ist er sogar witzig.

Ausgerechnet aus diesem Ort kommt also ein Zeugnis ebenjener Menschlichkeit, wie sie sich Frank-Walter Steinmeier vielleicht vorstellt.

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Daniel Schulz führt zusammen mit Sabine Seifert das Ressort für Reportage und Recherche. Für seinen Essay "Wir waren wie Brüder" erhielt er 2018 den Reporterpreis und 2019 den Theodor-Wolff-Preis. Außerdem: Langer Atem und Team des Jahres 2019 mit den besten Kolleg*innen der Welt für die Recherchen zum Hannibal-Komplex.

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