Kolumne Darum

Einigkeit und Recht auf Peinlichkeit

Von der Toilette schmettert uns die deutsche Nationalhymne entgegen. Haben wir als Eltern versagt? Nein, nur andere sind von der Rolle.

Wo, bitte, geht's denn hier zum Klo? Das ehemalige CDU-Präsidium singt die Hymne. Bild: ap

Viele Sätze, die man Kindern im Vorbeigehen zuraunt, rächen sich irgendwann. Der Satz „Lass dich nicht beirren, geh deinen Weg“ fliegt uns spätestens um die Ohren, wenn wir es morgens eilig haben, um gemeinsam irgendwohin zu kommen. Denn mein Weg ist stets anders als dein Weg.

Im Wissen um die untrennbare Verbindung kindlicher Faul- und Schlauheit hätten wir auch die Postkarte mit Hannah Arendts berühmtem Satz „Keiner hat das Recht zu gehorchen“ niemals an die Küchenwand pinnen dürfen.

Unverdächtig war uns lange der Satz „Wenn du Angst hast, sing ein Lied!“ Gerade bei kleinen Kindern, die von bösen Hexen, üblen Zauberern und bissigen Tieren träumen und deswegen noch vor dem Einschlafen darüber reden wollen, erschien es uns hilfreich, erst zu reden und dann gemeinsam ein Lied zu singen. Die Angst war dann weg. Die Kinder wurden größer. Irgendwann waren auch die Hexen, Zauberer und Tiere weg. Der Satz wurde vergessen.

Im Cache der Kinder aber muss er geblieben sein, als „Sleeper"-Satz im Unterbewusstsein. Jahre später, wir sitzen gerade vormittags bei 35 Grad auf einem halbschattigen Campingplatz an Sardiniens Ostküste, trinken Kaffee und genießen das Nichtstun, kommen die Nachbarn vorbei. Sie sind ein wenig verwirrt, ein wenig amüsiert und teilen uns mit, dass 30 Meter weiter, also inmitten des sardischen Campingplatzes, jemand auf einem der öffentlichen Klohäuschen lautstark die deutsche Nationalhymne singt.

Wir lachen, so absurd und unpassend erscheint uns dieses deutschnationale Bekenntnis im Italien-Urlaub, so hübsch auch passen Stuhlgang und Nationalgesang zusammen. Dann kommt unsere Tochter wieder und erzählt, es sei ihr Bruder, unser Sohn, der da gerade die Hymne schmettere. Ein betretenes Schweigen breitet sich aus. Fassungslosigkeit. Entsetzen. Wo eben noch Häme und Spott waren, sind nun Depression und Selbstvorwürfe.

„Gibt es ein Problem?“

Wie konnte es dazu kommen? Was haben wir falsch gemacht? Wie reagiert man nun am besten? Der Sohn kommt von der Toilette wieder, eine Rolle Klopapier unterm Arm. Er hat gute Laune, will an den Strand.

Wir wollen es nicht wahrhaben und fragen:

– „Hast du eben auf dem Klo die Nationalhymne gesungen?“

– „Nein, gesungen nicht, ich kenne den Text ja nicht, nur laut gesummt.“

– „Aber warum?“

– „Ich hatte Angst, die Tür zu verriegeln, und damit ich keine Angst haben muss, dass jemand reinkommt, habe ich laut gesungen.“

– „Warum die Nationalhymne?“

– „Lief neulich vor dem Länderspiel. Was anderes fiel mir gerade nicht ein. Gibt es ein Problem?“

Nein. Gibt es nicht. Zumindest für das Kind nicht. „Wenn du Angst hast, sing ein Lied!“, hieß der Satz und nicht „Wenn du Angst hast, sing ein Lied, das aber im Ausland nicht die Nationalhymne sein darf und im Inland besser auch nicht und überhaupt ist das ja kein Lied, aber irgendwie doch, und denk doch mal an Auschwitz und an die Weltkriege und ...“.

Das ist kein Merksatz für einen 3-, 4-, 5- oder 8-Jährigen. Und mein Problem mit der Nationalhymne ist nun auch verschwunden. Wenn ich im Fernsehen deutsche Fußball-Nationalspieler, die CDU beim Parteitag oder Burschenschafter auf der Wartburg sehe, die die Hymne singen, frage ich mich nur noch: Warum haben die denn kein Klopapier unterm Arm?

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Jahrgang 1969, ist seit 2010 Chef vom Dienst bei taz.de. Kartoffeldruck, Print und Online seit 1997.

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