Kolumne Darum: Merkel in die Mütze spucken

Bloß nicht zuschlagen. Aber auch den Frust nicht in sich reinfressen. Von Kindern können wir lernen, wie man am besten mit Konflikten umgeht.

Her mit der Mütze! Weihnachtsmerkel bei Madame Tussauds. Bild: dpa

Es ist Winter. Das ist gut. Denn da tragen die Menschen – auch die fiesen – manchmal eine Kopfbedeckung. Innenminister Hans-Peter Friedrich etwa, der ewige Wiedergänger Ebenezer Scrooges (bevor die Gespenster kommen). Oder Jogi Löw, diese hämische Strafe der Badenser an der fußballinteressierten Menschheit. Oder die Kollegen, die seit Wochen die gesamte Abteilung mit Wichtel-E-Mails belästigen.

„Verlagsmitarbeiter und -mitarbeiterinnen halten das 'Wichteln' auf der Weihnachtsfeier für eine feine, kommunikative, gesellige Sache. Redakteure finden es peinlich, zwangswitzig, im Grunde genommen terroristisch“, schrieb neulich ein Ex-Kollege auf Facebook. Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer, dass der Begriff des Terrorismus immer auch eine ganze Reihe an Fragen nach sich zieht, wie mit ihm umzugehen ist.

Auf Gewalt mit Gegengewalt antworten? Möglich, aber schwierig. Appeasement und noch ne Friedenskonferenz? Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut gemacht. Die Ursachen bekämpfen? Klar, aber welche waren es noch gleich? Terrorismus hat viele Gesichter, und manchmal ist ein Wichtelsäckchen heimtückischer als eine Kalaschnikow.

Teile der Menschheit haben mühselig gelernt, jemanden mit anderer Meinung und anderen Vorlieben nicht einfach niederzukartätschen. Von diesen Teilen wiederum gehen viele nach Konflikten, seien sie politisch, arbeitsbedingt oder privat, voller Hass frustriert nach Hause. Das gute Motto „Bloß keine Gewalt“ wird nur halb befolgt, denn eine Form von Gewalt ist auch das, was man in Frustsituationen sich selbst zufügt. Der Ausweg zwischen Gewalt, die man anderen, und Gewalt, die man sich selbst zufügt, heißt: reden, reden, reden.

„Ich war so wütend!“

Das geht aber nicht immer. Gibt es keine Alternative? Doch. Von Kindern können wir lernen, mit solch schwierigen Situationen umzugehen. Der Sohn kam neulich wütend aus der Schule heim. Ein Freund hatte sich erst mit ihm gestritten und ihn dann gebissen. Empört zeigte er mir die Bissspuren am Arm. „Und wie hast du reagiert?“ – „Ich war so wütend! Ich wollte ihn hauen. Hab ich aber nicht gemacht.“ – „Sondern?“ – „Ich war so wütend. Und ich wusste nicht mehr weiter.“ – „Und dann?“ – „Dann hab ich ihm die Mütze vom Kopf gerissen und reingespuckt.“

In die Mütze gespuckt. Da zuckt es in einem. Da streiten Ekel, Erziehungsauftrag und simples Gekicher miteinander. Laut loslachen geht nicht. Also erstmal die Bissspuren verarzten und dabei vorsichtig fragen, ob ein Bewusstsein dafür vorhanden ist, dass die Reaktion falsch gewesen sein könnte. „Ja, ich weiß, dass das falsch war, aber ich war halt so wütend!“ Beide Kinder hätten dann eine Lehrerin ins Vertrauen gezogen. Beide hätten ihr gesagt, sie wüssten, dass sie etwas falsch gemacht hätten. Beide wollten sich aber nicht entschuldigen. Die Sache sei trotzdem aus der Welt, morgen werde wieder gemeinsam gespielt.

Abends rief dann die Lehrerin bei uns an (und bei den Eltern des anderen Kindes auch). „Da ist heute in der Schule was vorgefallen“, eröffnete sie defensiv das Gespräch. „Wir haben schon darüber gesprochen“, erwiderte ich. Die Kinder hätten sich ja wieder vertragen, ob es unserem Sohn denn damit gutginge? „Ja, kein Problem. Ich war nur überrascht, dass er anderen in die Mütze spuckt.“ – „Ich auch.“ Wir schwiegen kurz und lachten lang. Das ist unpädagogisch. Doch Konfliktlösung muss nicht pädagogisch, sondern erfolgreich sein.

Ganz nebenbei: Gerade bin ich sehr wütend auf Angela Merkel.

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Jahrgang 1969, Leitender Redakteur des Amnesty Journals. War zwischen 2010 und 2020 Chef vom Dienst bei taz.de. Kartoffeldruck, Print und Online seit 1997.

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