Kolumne Darum

„Ick bün al dor!“

Eher gründet die CSU eine digitale Niederlassung im Darknet als dass meine Mutter mikrobloggt, dachte ich. Und lag damit falsch.

Was für ein Macker: „Halt das Maul, Weib“, sagt der Igel im Märchen, „misch dich nicht in Männergeschäfte!“ Bild: dpa

Die Zeiten, in denen ich meiner Familie in digitalen Dingen wie im Märchen „Der Hase und der Igel“ der Gebrüder Grimm „Ick bün al dor!“ zurufen konnte, sind längst vorbei. Foto- und Musiksoftware, Spiele und nun auch Online-Netzwerke – die Kinder sind „al dor“, während ich noch die Installationsanleitung, die Datenschutzbestimmungen oder sonstige Beiwerke lese.

Zwar müssen die Kinder noch ein wenig warten, bis sie ihr eigenes Facebook-Profil bespielen können. Aber das macht nichts. Bis dahin will ohnehin niemand unter 30 mehr dort sein. Vor Jahren erzählte mir ein Freund, seine damals 14-jährige Tochter hätte sich bei Facebook angemeldet, dann aber gesehen, dass er, also der Vater, weitere Verwandte und sogar Lehrer dort ein Profil haben. „Das ist ja ein Gammelfleischnetzwerk“, habe sie gesagt und sich wieder abgemeldet. Was damals selten war, ist heute, wie man hört, fast Standard.

Seit 2008 nutze ich Facebook, anfangs mehr, später weniger – auch der Chef war irgendwann da, ebenso meine Mutter. Kleine Gags über die Arbeit und das Elternhaus verboten sich damit, die Selbstzensur erstickte in der Folge andere Kreativität. Wenn man nicht mehr so kann, wie man will, wird das alles schnell fade.

Halb so wild, ich hatte ja noch Twitter und Tumblr. Vor allem Tumblr hielt ich lange für eine sichere Sache. Eher gründet die CSU eine digitale Niederlassung im Darknet als dass meine Mutter mikrobloggt, dachte ich. Und lag damit falsch. Denn meine Mutter ist längst bei Tumblr. Meine Frau auch. Meine Tochter sowieso. Sie haben, ohne dass ich es mitbekommen habe, ein Tumblr-Familiennetzwerk errichtet.

Weihnachts-Updates erstmals ohne mich

Genauer: Meine Tochter hat das getan. Sie bloggt gern und viel und damit die Familie es erfährt, hat sie meiner Mutter, ihrer Großmutter, via WhatsApp eine Anleitung zukommen lassen. Darüber wiederum schreibt ihre Oma, meine Mutter, nun auf Tumblr und auch, wie sie sich freut, dass das Enkelkind ihr das alles schön und einfach aus hunderten Kilometern Entfernung erklärt hat. Meine Tochter reagiert auf diese Blogeinträge, was wiederum meine Frau neugierig gemacht hat, sodass auch sie sich nun dort rumtummmelt bzw. -tumblrt.

„Ick bün al dor!“, rufen nun also alle außer mir, der Tumblr kaum noch nutzt. Und das ist schön. Statt mich wie einst an zu viel familiärer Nähe zu stören, freue ich mich über die Gesellschaft. So relevant, interessant und unterhaltsam wie die ewig währende Selbstanfeuerung diverser Piraten auf Twitter und die Selbstvermarktung so mancher Journalistenkollegen auf Facebook ist das allemal.

Gut daran ist auch: Wer einer Großmutter via WhatsApp den Zugang zu und die Bedienung von Tumblr erklären kann, wird wohl in den Sommerferien vor Ort auch alle onlinefähigen Geräte auf Stand bringen können – Updates des Betriebssystems, des Browsers, des Mailprogramms, Virenschutz etc. Das war bislang meine Aufgabe, wenn ich mal die Eltern besuchte.

Ich gebe sie gerne ab. Denn dann habe ich mehr Zeit für die Familie. Die aber leider nicht verfügbar ist, weil sie sich mit Tumblr oder mit Updates beschäftigt. Doch Hoffnung bleibt. Wie sagten es schon die Gebrüder Cree?: „Erst wenn der letzte Post geschrieben, das letzte Profil eingerichtet und das letzte Update fertig ist, werdet Ihr offline merken: 'Ick bün al dor!'“

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Jahrgang 1969, ist seit 2010 Chef vom Dienst bei taz.de. Kartoffeldruck, Print und Online seit 1997.

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