Kolumne Andropause

Midlife Crisis? What Midlife Crisis?

Wenn das Testosteron ab einem bestimmten Alter rapide absinkt, hat das schwere Folgen. Eine ordentliche Midlife Crisis hingegen ist etwas völlig anderes.

der Hinterkopf eines Mannes mt Halbglatze

Entgegen der landläufigen Meinung: Eine Glatze sagt nichts über Testosteronspiegel oder Potenz aus Foto: dpa

Wie schön war doch die Midlife-Crisis – das war ein Spaß, da wurde noch Porzellan zerschlagen, als wäre das eigene Leben ein einziger Polterabend. Vortodesangst vermählte sich mit grundloser Aufbruchstimmung – das Brautpaar war dumm und fickte gut. Aber immer noch besser Flausen im Kopf als bloß noch Leere. So wie heute. Denn leider liegt die Midlife-Crisis inzwischen auch schon wieder viele Jahre zurück. Nun herrscht die Andropause.

Mach mal Andropause. Schreit der Körper, flüstert der Geist. Ruh dich ein bisschen aus, ein paar Jahrzehnte nur, bevor du stirbst. Damit du optimal erholt in den Tod gehst und nicht schon mit einem Burn-out im Jenseits ankommst.

Die Andropause ist als Phänomen relativ unbekannt sowie als Begriff umstritten. Denn der Prozess verläuft weitaus unauffälliger und schleichender als die Menopause der Frau. Mir persönlich öffnete erst Ralf Königs Standardwerk „Herbst in der Hose“ so richtig die Augen. Seitdem bin ich von dem Thema fasziniert, denn allzu viel davon habe ich bei mir und meinen Pappenheimern wiedererkannt.

Hormonell bedingte Stimmungsschwankungen; Rührseligkeit wechselt sich ab mit Wut, Verzagtheit und Lustlosigkeit. Überforderung. Fremdheit. Stillstand. Rückschritt. Dass Energie, Körperkraft und Libido mit schwinden ist dabei fast Nebensache – die braucht man ja kaum mehr als dicker, kastrierter Kater, der sich vor dem Ofen zusammenrollt und nur noch schlafen will. Und fressen und vielleicht noch hinter den Ohren gekrault werden ab und zu. Der Herbst des Lebens hat auch seine schönen Seiten.

Tragikomische aber würdevolle Hauptfigur

Ein Knackpunkt scheint in der Abgrenzung der Andropause von der Midlife-Crisis zu liegen. Ich fand ja mal, Erstere gäbe einen guten Romanstoff für mich ab, mit einer tragikomischen und nichtsdestotrotz würdevollen Hauptfigur. Hat natürlich nix mit mir selbst zu tun, eh klar, Literatur eben. Doch mit wem ich auch darüber sprach, ob privat oder beruflich – alle winkten nur ab: Ach ja, Midlife-Crisis meinst du. Überstrapaziert. Macht jeder. Läuft nicht. „Es geht aber um die Andropause“, sagte ich dann, „das ist etwas völlig anderes.“

Ich präzisierte den Gegensatz nochmals im Exposé, versah ihn mit Belegen, Zitaten, Links und Ausrufezeichen und formatierte den ganzen Scheiß fett und kursiv. Das alles ergänzte ich noch um eine Liste übelsinniger Edelfedern im einschlägigen Alter. Weiterhin keine Chance.

Dabei ist der Unterschied zwischen Andropause und Midlife-Crisis doch von grundlegender Natur: Denn die eine befasst sich ausschließlich mit der Vergangenheit, die andere exzessiv mit der Gegenwart. Die eine hat sich von jeglicher Zukunft bereits verabschiedet, die andere überschätzt ihre Zukunft kolossal. Siehe oben.

.

Seit 2001 freier Autor für fast sämtliche Ressorts, vor allem Berlinkultur, taz2, die Wahrheit. Kolumnen, Glossen, Satiren. Mitglied der Berliner Lesebühne "LSD - Liebe statt Drogen" und Autor von zurzeit neun Büchern.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben