Kolumbianisches Trio Los Pirañas: Triumph mit tropischem Kannibalismus
Das Trio Los Pirañas bringt lateinamerikanische Sounds mit Punk und Nerdtum zusammen – das klingt rockig und noisig.
Dieser Text ist in der taz-Verlagsbeilage „Global Pop“ erschienen.
Was wäre, wenn man sein musikalisches Nerdtum konsequent sein Leben lang durchzieht – am besten noch mit Freunden aus der Schulzeit? Ohne Kompromisse, was die Marktgängigkeit betrifft, ein bisschen schräg, aber auf eine eigentümliche Art eben auch groovy?
Willkommen im Kosmos von Los Pirañas. Das kolumbianische Tropical-Noise-Trio wurde zuletzt gern als „Supergroup“ betitelt, was es aber nicht wirklich trifft. Die Drei machen zusammen versponnene tropisch-psychedelische Musik, seitdem sie 15 Jahre alt sind. Doch massentauglich sind ihre Songs in einem Land, wo vor allem eingängige Varianten von Cumbia, Salsa und Reggaeton gehört werden, nicht.
Los Pirañas: „Una oportunidad más de triunfar en la vida“ (Glitterbeat/Indigo)
Vor fast 30 Jahren begaben sich Eblis Álvarez (Gitarre), Mario Galeano (Bass) und Pedro Ojeda (Schlagzeug) auf eine gemeinsame musikalische Reise. Zeitweilig sind sie auch in anderen Projekten beschäftigt – Álvarez unter anderem mit den Meridian Brothers, Galeano mit Frente Cumbiero und Ojeda mit Romperayo. Doch zwischendurch kommen sie immer wieder zusammen, um ihre Erkundungen im Dreiergespann fortzusetzen.
„Wir haben mit Punk und Heavy Metal angefangen“, erklärt Schlagzeuger Ojeda im Infotext zum Album. „Dann interessierten wir uns sehr für die tropischen Klänge Kolumbiens und die traditionelle Musik Lateinamerikas, und das brachte uns dazu, uns auf afrikanische Musik zu konzentrieren.“
Live improvisiert
Ihr gerade veröffentlichtes Album „Una oportunidad más de triunfar en la vida“ („Eine Möglichkeit mehr, im Leben zu triumphieren“) führt ihre Reise fort. Das Album ist komplett live im Studio und innerhalb einer Woche in täglichen Sessions improvisiert eingespielt worden. Aufgenommen ohne Overdubs oder Click-Track, liefert Eblis Álvarez Gitarrenloops als Grundgerüst, auf dem dichte, komplexe Arrangements mit Bass und Trommeln entstehen. Die Loops seien dabei „ständig in Bewegung“, so Ojeda, weil das Tempo von der „Stimmung des Moments“ abhänge
Wie die Loops ineinander übergehen und sich wieder auflösen, lässt sich gleich im ersten Albumtrack feststellen. Der folgende Song, „El aguazo de Javier Felipe“, ist von einer nervösen Gitarre geprägt, während in „Despectiva caridad“ das Tempo rausgenommen und es dubbig wird. Mit dem rockig polternden „Educados por condorito (Y Don Ramón)“ nimmt die Platte wieder Fahrt auf. An der Beschreibung in den Linernotes, dass der Song so klinge, als sei Donna Summers „I feel love“ durch einen Punkrock-Filter gejagt worden, stimmt zumindest die Feststellung der grundsätzlichen DIY-Punkattitüde von Los Pirañas.
Dass Humor eine treibende Kraft ihres Schaffens ist, zeigen auch die Songtitel. „Con mi burrito sabanero voy directo al matadero“ etwa – ein euphorischer Highlife, der dem afrokolumbianischen Erbe huldigt – bezieht sich auf ein Kinderlied über ein Eselchen aus Bethlehem – das die Pirañas schnurstracks zum Schlachthof führen wollen. Auch beim Albumtitel bleibt die Frage, ob er auf unseren Selbstoptimierungswahn abzielt – oder doch nur ironisch vorwegnehmen will, dass das Album kommerziell eh kein Erfolg werden wird.
Ihre Fanbase haben Los Pirañas in den Undergroundclubs ihrer Heimatstadt Bogotá. Auch auf internationalen Festivals findet ihr „Tropicanibalismo“ (dieser Genrebegriff entstand in Lateinamerika für einen solchen Sound) entzückte Zuschauer*innen. Viele jedoch, die die traditionelle Musik Lateinamerikas schätzen, können mit ihrem Stil wenig anfangen. Doch die Zeiten ändern sich, ist sich Bandleader Eblis Álvarez sicher: „Die Latinmusik entwickelt sich. Sie geht in Richtung Noise und Elektronik. Die Generationen ändern sich halt.“
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