Kolonialistisches Bremen

Neue Straßen braucht die Stadt

Das rot-grüne Bremer „Erinnerungskonzept“ ist noch nicht einmal beschlossen, da kommen schon kritische Töne aus der Community.

Muss saniert werden: Der zum Anti-Kolonialdenkmal umfunktionierte Backstein-Elefant in Bremen. Foto: Hannes Grobe/Wikimedia Commons

BREMEN taz | Bremen muss dekolonialisiert werden! Das verlangt ein Bündnis zivilgesellschaftlicher Akteure und WissenschaftlerInnen in Bremen. Zwar will auch rot-grün ein „Erinnerungskonzept“ auf den Weg bringen – das soll die Stadtbürgerschaft noch im Februar beschließen. Über den konkreten Umgang Bremens mit seinem kolonialen Erbe Bremens gehen die Meinungen aber schon auseinander.

In der Initiative „Decolonize Bremen“ haben sich neben Einzelpersonen auch der Flüchtlingsrat und das Afrika Netzwerk Bremen (ANB) zusammengeschlossen. Sie verlangen, dass die Gruppen der afrikanischen und schwarzen deutschen Community und MigrantInnen „von Anfang“ und „maßgeblich“ in die Erarbeitung des Erinnerungskonzeptes einbezogen werden.

Das hat schon mal nicht geklappt: Zwar begrüßt das seit über einem Jahr bestehende Bündnis den Vorstoß von Rot-Grün, doch weder mit dem ANB noch mit „Decolonize Bremen“ haben die Koalitionspolitiker vorher gesprochen, sagte die Kulturwissenschaftlerin Kim Ronacher als Vertreterin des Bündnisses der taz.

180.000 Euro stellt das Bau-Ressort zur Verfügung, um den maroden Backstein-Elefanten hinter dem Hauptbahnhof zu sanieren. Bis zum nächsten Winter soll er wieder frostfest werden. Bremen hofft, dass der Bund sich an den Kosten beteiligt.

Seit 1932 wurde mit dem „Reichskolonialehrendenkmal“ wohlwollend des Massakers der Deutschen an den Herero und Nama im heutigen Namibia gedacht. Bei diesem Genozid starben rund 75.000 Menschen.

Erst 1990 wurde der Elefant zum „Anti-Kolonialdenkmal“ umdeklariert. Heute erinnert dort das bundesweit einzige Mahnmal an den Genozid in Namibia.  (taz)

Ähnlich wie in Hamburg

In Hamburg lief es 2014 ähnlich. Auch dort initiierte der Senat eine Aufarbeitung der lokalen Kolonialgeschichte – und Nachfahren der Opfer von Kolonialismus und Rassismus klagten, dass sie von der Mitarbeit ausgeschlossen worden seien. „Das soll hier nicht passieren“, so Ronacher.

Konflikte deuten sich bereits bei der Diskussion um jene Straßen an, die Bremer für ihr koloniales Engagement ehren. Und davon gibt es einige. Bei der Lüderitz- oder der Vogelsangstraße „bedarf es unseres Erachtens einer Umbenennung, um ein ernsthaftes Zeichen zu setzen“, schreibt das Bündnis.

Der „Lügenfritz“ genannte Bremer Kaufmann Alfred Lüderitz eignete sich das spätere „Deutsch-Südwestafrika“ und heutige Namibia 1884 mit betrügerischen Mitteln an. Der Tabakhändler Heinrich Vogelsang war einer seiner Mitstreiter, der ebenfalls mit einer Straße in Bremen geehrte Gustav Nachtigal beglaubigte als Reichskommissar für „Deutsch-Westafrika“ Lüderitz’Landnahme.

Umbenennung sei „schwierig“

Diese Straßen sollten umbenannt werden, fordert auch Virginie Kamche, die Vorsitzende des ANB. SPD und Grüne sind dagegen: Sie wollen Straßennamen mit kolonialem Hintergrund erst mal nur „ermitteln“ und „mit Legenden versehen“. Eine Umbenennung sei „sehr schwierig“, sagt der grüne Landesvorsitzende Ralph Saxe, Vorsitzender des Vereins „Der Elefant“, der sich um das frühere Reichskonialehrendenkmal des Nazi-Bildhauers Fritz Behn kümmert (siehe Kasten).

Das Bündnis geht sogar noch weiter: Um den historischen Bezug zu wahren, müssten die neuen Straßennahmen Personen ehren, die in den deutschen Kolonien Widerstand gegen Kolonialismus geleistet haben. Nur bei Straßen wie der Togo- oder der Kamerunstraße will „Decolonize Bremen“ auf eine Umbenennung verzichten.

Für „problematisch“ hält Ronacher auch, was Bremen mit der Karl-Peters-Straße gemacht hat: Der Kolonialbeamte hatte sich drastischer Menschrechtsverbrechen in „Deutsch-Ostafrika“ schuldig gemacht, wurde aber von den Nazis rehabilitiert. Heute ist die Straße einem zufällig gleichnamigen Strafrechtsreformer gewidmet. Die AnwohnerInnen wehrten sich heftig gegen eine Namensänderung – obwohl der Senat alle privaten Änderungskosten übernehmen wollte. Auch Saxe war seinerzeit für die Umbenennung.

Verbindungen zu heutigen Problemen

„Für die Dekolonialisierung spielen Denkmäler, Benennungen und Straßennamen eine zentrale Rolle“, so das Bündnis, das zugleich Verbindungen zu heutigen politischen Problemen thematisieren will: Es genügt nicht, „nur die koloniale Spuren im Stadtbild sichtbar zu machen“.

„Decolonize Bremen“ will deshalb 2017 zwei Ausstellungen nach Bremen holen, begleitet von einem großen Rahmenprogramm: „Homestory Deutschland – Schwarze Biografien in Geschichte und Gegenwart“ und „freedom roads“, eine Ausstellung zu kolonialen Straßennamen. Die Finanzierung der beiden Projekte ist noch offen, so Ronacher.

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