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Klare Verhältnisse im SpitzenmatchNur 80 Minuten

RB Leipzig macht eine Halbzeit lang das perfekte Spiel gegen den FC Bayern und verliert am Ende 1:5. Das wird für die ganze Männer-Fußballbundesliga zum Problem.

Wieder dabei, wenn es was zu Jubeln gibt: Jamal Musiala Foto: dpa

Aus Leipzig

Fabian Held

Schaut man nur auf das Ergebnis, war die wichtigste Nachricht für den deutschen Fußball das, was in Leipzig in der 87. Minute passierte. 196 Tage nach seiner Horrorverletzung wurde Jamal Musiala eingewechselt und von den vielen Bayern-Fans im ehemaligen Zentralstadion mit Standing Ovations gefeiert. Nach kaum mehr als einer Minute bereitete er den Treffer zum 5:1-Endstand vor, erzielt durch Michael Olise (88.).

Eine schöne Geschichte, nachdem sich Musiala im Sommer bei der Klub-WM gegen Paris St. Germain einen Wadenbeinbruch zugezogen hatte. Das dürfte die Hoffnung auf eine erfolgreiche deutsche WM-Teilnahme vergrößern. „Es freut mich sehr, dass Jamal heute sein Comeback gefeiert hat“, sagte Nationalmannschaftskollege und RB-Kapitän David Raum. „Wir können froh sein, wenn er fit ist und am Platz ist, auch für die Nationalmannschaft.“

Ansonsten wirkte auf den ersten Blick alles wie business as usual für den Rekordmeister, der in der Tabelle weiter einsam seine Kreise zieht. Doch ganz so einfach war es nicht. Leipzig dominierte die Bayern eine Halbzeit lang regelrecht, spielte 80 Minuten das fast perfekte Spiel, das eine Mannschaft gegen die Münchner aktuell spielen kann, nur um am Ende – Verzeihung – eins auf die Schnauze zu bekommen. Was für ein Signal.

„Die haben uns richtig Probleme gemacht in der ersten Halbzeit, waren klar die bessere Mannschaft“, sagte Vincent Kompany nach der Partie bei Sky. „Es fühlte sich an, als wären sie doppelt so gut wie wir.“ RB hatte im ersten Durchgang fünf gute Abschlüsse im Strafraum, aber nur Romulo (21.) verwertete einen davon. „Wir hätten höher führen müssen, wenn du gegen die Bayern solche Chancen bekommst“, analysierte Leipzigs Trainer Ole Werner.

Doch dann …

Nach der Halbzeit wurden die Bayern besser, schnürten die Hausherren erstmals ein, ohne zunächst dominant zu sein. Die Kaltschnäuzigkeit des Seriensiegers zeigte sich nach Leipziger Fehlern: Christopher Baumgartner spielte einen katastrophalen Fehlpass in die Füße von Serge Gnabry (50.), der zum Ausgleich traf. Wenig später rutschte Ridle Baku unglücklich weg – genau vor Harry Kane (67.), der die Führung erzielte.

„Zweite Halbzeit: Mein Gott! Die Jungs haben geliefert“, sagte Kompany. Seine Mannschaft habe sechs Kilometer mehr abgespult als der Gegner. „Es war pure Alte-Schule-Mentalität: Laufen, kämpfen, grätschen.“ Und Qualität von der Bank: Der blasse Lennart Karl wurde nach 57 Minuten durch den formstarken Olise ersetzt, der das Spiel fast alleine drehte. An allen vier Treffern nach seiner Einwechslung war er beteiligt: das 2:1 vorbereitet, das 3:1 durch Jonathan Tah (83.) ebenso wie das 4:1 durch Aleksandar Pavlović (85.). Den Schlusspunkt setzte er selbst.

Darf nicht passieren

„Das darf uns so nicht passieren, wir müssen das kritisch analysieren“, sagte RB-Kapitän Raum über die drei Gegentreffer in den letzten zehn Minuten. „Wir haben dann den Kopf verloren.“ Besonders ärgerlich nach dem guten Start: „Wir haben mutig gespielt, hohe Ballgewinne gehabt und Torchancen herausgespielt.“ Vor allem das Flügelspiel über Yan Diomande und Antonio Nusa hatte den Bayern zugesetzt. Es half alles nichts.

„Wir können nicht die Qualität auf der anderen Seite komplett über 90 Minuten verhindern“, musste Werner eingestehen. Nach dem herben 0:6 beim Auftaktspiel gegen die Bayern in München gab es die nächste Packung. Dabei hatten sich die Leipziger nach dem Umbruch im Sommer mittlerweile auf den Champions-League-Plätzen festgebissen, zählen also zu den Topteams der Liga. „Dass die Bayern dieses Jahr klar über dem Rest stehen, das hat nicht nur dieser Abend heute gezeigt“, sagte Werner.

Erschreckend ist, dass den Bayern zehn Minuten reichten, um aus einem knappen Spiel ein Desaster zu machen. Wenn selbst Topteams so zerfallen, was sagt das über die Liga? Am Samstag fühlte es sich an, als könne man den Bayern schon zur Meisterschaft gratulieren. Im Viertelfinale des DFB-Pokals sehen sich die beiden Mannschaft in rund dreieinhalb Wochen wieder. Die nächste Abreibung? „Wir werden den dritten Anlauf nehmen und sicher nicht vorzeitig die weiße Fahne hissen“, versprach Werner.

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