Kinotipps der Woche: Werk, Autor, Sumpf

Schade eigentlich: Im Filmgeschäft war Dietrich Brüggemann vor seiner verunglückten Kampagne doch bereits eine große Nummer.

Szene aus „Kreuzweg“ (2014) von Dietrich Brüggemann

Fanatisch auf dem „Kreuzweg“ (2014) von Dietrich Brüggemann: auch etwas überpassioniert Foto: Camino Filmverleih

Vor kurzem war der in Kreuzberg lebende Dietrich Brüggemann noch der gefeierte Regisseur des Stuttgart-Tatorts “Das ist unser Haus“. Endlich mal ein lustiger Tatort, hieß es überall, mehr Satire auf Grün wählende spießige Häuslebauer und kuschelbedüftige Baugemeinschaften, denn wirklich ein Krimi.

Die Schauspielerriege in dem Film, der immer noch in der ARD-Mediathek abrufbar ist, war auch einmalig. Neben den üblichen ermittelnden Kommissaren trat Berlins große Sängerin Christiane Rösinger als Mutti der Baugemeinschaft auf und sogar der abgehalfterte Barde Heinz Rudolf Kunze machte sich in einer Nebenrolle ziemlich gut.

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Jetzt aber ist Brüggemann der zumindest nach einem bestimmten Blickwinkel vielgescholtene mutmaßliche Drahtzieher hinter der verunglückten Allesdichtmachen-Kampgagne, bei der sich über 50 Schauspieler mit ihrer sogenannten Kritik an den Corona-Maßnahmen blamiert haben.

Alles deutet jedenfalls auf Brüggemann als Organisator der Youtube-Aktion hin und er selbst bestärkt diesen Eindruck auch in den diversen Interviews, die er inzwischen gegeben hat. Zumindest bei einem großen Teil der Clips hat er die Regie geführt. Die Aktion #allesdichtmachen ist also gewissermaßen Brüggemanns neuer Film und mit dem hat er immerhin etwas erreicht, was ihm bestimmt gut gefällt: Er ist jetzt eine Berühmtheit.

Fast so bekannt wie Til Schweiger

Auch wenn er in diversen Artikeln über ihn gerne lediglich als “Tatort-Regisseur“ vorgestellt wird, was nicht unbedingt wie die Adelung eines großen Filmkünstlers klingt, ist er eigentlich schon länger eine große Nummer des deutschen Films. Aber fast so bekannt wie Til Schweiger, das ist er erst jetzt geworden.

Diverse Preise bis hin zum Silbernen Bären für das beste Drehbuch hat er bereits eingesammelt. Und er hat auch ein paar wirklich gute Filme gemacht. Seine Werke “Renn, wenn Du kannst“ und der WG-Film “3 Zimmer/Küche/Bad“ gehören zu den gelungeneren Exemplaren der Kategorie “Deutsche Komödie“. Und mit “Kreuzweg“ (Stream auf Filmfriend) hat er gezeigt, dass er auch im ernsten Fach etwas hinkriegt.

Erzählt wird hier die Leidensgeschichte von Maria, die in einer ultrareligiösen Familie aufwächst und irgendwann damit beginnt, kompromisslos ihr Leben Gott zu widmen. Erzählt wird der Film als eine Analogie zur Passion Jesu Christi, was ein wenig arg bedeutungsschwer wirkt und die Verwandlung Marias in eine Fanatikerin vollzieht sich auch etwas zu abrupt. Doch Brüggemann zeigt hier, dass er mehr kann, als nur beschwingte Komödien.

Zu demonstrieren, dass er was auf dem Kasten hat und vor allem eine Menge zu sagen hat, ist schon weit vor Allesdichtmachen ein großes Anliegen von ihm. In seinem Blog, der in den letzten Tagen so stark frequentiert worden sein dürfte, wie nie zuvor, und auch in Interviews hat er sich schön öfters lautstark geäußert und gerne verbreitet: was andere Filmschaffende so machen ist meist weit weniger toll als das, was ich so mache. Die Regisseure der Berliner Schule: langweilig. Die Berlinale: überschätzt. Der “Tatort“: meist ziemlich öde.

Narzistische Geisteshaltung

In die Rolle des enfant terrible, die er nun auf großer Bühne mit Leidenschaft weiter spielt, indem er sich trotzig hinstellt und überall bekannt gibt, dass er #allesdichtmachen für große Kunst hält und hundertprozentig hinter der Sache steht, gefällt er sich schon seit einer ganzen Weile. Die anderen haben keine Ahnung, ich schon. Diese narzistische Geisteshaltung dringt nicht nur durch seine aktuellen Aussagen, sondern auch durch jede Zeile in seinem Blog.

Er scheint sich sowieso für jemanden zu halten, der alles kann und weiß. In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk, in dem er über seine erste Inszenierung für das Theater sprach, gab er an, als nächstes würde ihn das Schreiben einer Oper reizen – der Mann denkt gerne mal richtig groß.

Musik macht er auch noch in gleich mehreren Projekten. Unter anderem in dem Duo Theodor Shitstorm, dessen Name wie eine selffullfilling prophecy klingt. Und natürlich als Noisy Nancy. Das Projekt hat er während des ersten Lockdowns gestartet.

Abgetaucht in den Sumpf

Auf Soundcloud war von diesem eine vor kurzem wieder von der Seite genommene Nummer zu hören, in dem so geistreiche Zeilen wie “Steckt euch eure Abstandsregeln in den Arsch“ zu vernehmen sind. Das Stück ist eine echte Beleidigung. Weniger textlich, als vielmehr musikalisch. Zu diesem grotesken, wahrscheinlich in fünf Minuten zusammengeschraubten Billigpop tanzt man wirklich bei Querdenker-Demos?

Noisy Nancy, das Corona-Geschwurbel von Hobbyvirologe Brüggeman auf seinem Blog, seine bekannt gewordene Nähe zu den völlig frei drehenden Spinnern der sogenannten Freien Linken, zeigen, den Regisseur hat es wirklich schwer erwischt.

Er ist richtig abgetaucht in den Sumpf und wird aus diesem so schnell wahrscheinlich auch nicht mehr herauskommen. Noisy Nancy haben seine Sprechpuppen, die Beteiligten an Allesdichtmachen, wahrscheinlich nicht gekannt, das muss man ihnen zu Gute halten. Sonst hätten sie sich vielleicht zwei Mal überlegt, bei diesem Unsinn mitzumachen.

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