Kim de l’Horizons „Blutbuch“ im Theater: Laub abwerfen, ausharren, an neuem Laub arbeiten
Für den Debütroman „Blutbuch“ über Identitätssuche bekam Kim de l’Horizon den Deutschen Buchpreis. In Berlin kommt der Roman nun auch ins Theater.
Zerrissene sandfarbene Strumpfhosen hängen von der Decke, beschwert mit Sand und Kugeln. „Blutbuch“ flimmert in roter Frakturschrift über einem weißen Fransenvorhang. Neugierig erforscht die Erzählfigur Kim die Umgebung, dann spricht Kim zur Großmutter: „Ich habe es dir nie gesagt, Großmeer. Ich kam einfach auf einmal geschminkt zum Kaffee. Dann kam ich mit Rock. Ich ging davon aus, dass Mutter es dir sagte. Ich hatte es ja Vater gesagt.“
Schweigen als Gewaltakt: So lässt sich der Debütroman von Kim de l’Horizon zusammenfassen, für den die genderfluide Person 2022 den Deutschen Buchpreis und den Schweizer Buchpreis erhielt. Die Bühnenadaption von Max Radestock und Daniela Guse feiert in der Vagantenbühne in Charlottenburg am Dienstagabend eine ausverkaufte Premiere.
„Wir sprechen nie über Scham“, fährt die Erzählfigur fort. Gespielt wird sie von gleich drei Personen: Julian Trostorf, Annemie Twardawa und Emma Zeisberger. Kim will das Schweigen brechen und Scham in ein Gefühl der Selbstakzeptanz im genderfluiden Körper verwandeln. In Briefen wendet sich Kim an die Großmutter, auf Schwyzerdütsch zärtlich „Großmeer“ genannt. Denn es ist ihre Demenzerkrankung, die Auslöser ist für Kims Reise zurück in die Kindheit in einem Vorort in der Schweiz und hin zu den eigenen Wurzeln.
Die Musik dröhnt, Kim spielt Modenschau. Die drei Schauspielerinnen laufen abwechselnd in weißen Spitzenkleidern strahlend auf und ab und drehen Pirouetten. Die Großmeer sieht zu – ein Puppenkopf ohne Körper, eingesponnen in Strumpfhosenstoff, Nadeln und Wolle, wie eine Voodoo-Puppe. „Was hast du da an?“, blafft die Großmeer. „Ist das Mädchenkleidung? Das ist ja ekelhaft. Zieh das aus!“ Von da an beginnt das Kind die Großmeer zu hassen.
Kein Körper passt
Kim streift sich das weiße Nachtkleid vom Leib. Das Kind schlüpft in den Körper des „Peer“ genannten Vaters, spielt „Feierabend wie Peer“ und „guckt Fernsehen wie Peer“. Dann spielt es Meer – also Mutter – und zieht sich ihren Körper an. Kein Körper passt. Kims Körper hat keine Grenze, er lässt sich nicht binär definieren. „Wann muss man sich entscheiden, ob man Mann oder Frau wird?“, fragt das erschöpfte Kind. Es bleibt flüssig, aber es probiert sich immer wieder zurück ins Zugewiesene zu drücken, kneift sich in den Arm, beißt oder sticht sich mit einer Gabel.
Nur unter der Blutbuche, die der Urgroßpeer für seine liebste, aber verstoßene Tochter gepflanzt hat, fühlt sich das Kind geborgen. „Es ist wie eine zweite, richtige Haut.“ Kim fragt sie: „Wie wehrt Mensch sich gegen all die Namen, die einem gegeben werden?“ Die Blutbuche antwortet: „Dastehen, das Laub abwerfen, ausharren, an neuem Laub arbeiten, ausschlagen, verwandeln.“ Das Kind beginnt in die Blutbuche hineinzuwachsen.
Weil Kim den eigenen Körper nur spürt, wenn Kim ihn abgibt, schmeißt Kim sich in das Sex- und Nachtleben, die Dating-App Grindr wird zum Kompass. „Der Sex ist schnell und gefühllos. Ich habe ja genug Gefühle, ich brauche nicht noch mehr.“ Kim ernährt sich von Pornos und lässt sich „so lange ficken, bis auch Bepanthen nicht mehr hilft“. Körperlichkeit wird zu einer Gleichung: „Fuckability = Selbstwert + Begehrens-Wert = Blicke × Ficke = (Style − Fettmasse) × (Grösse von Bizeps + Grösse von Schwanz + Bubblehaftigkeit von Arsch) geteilt durch Selbsthass.“ Der unerreichbare Wunsch: dass die Summe irgendwann den Selbsthass übersteigt.
Transgenerationale Traumata
Auf der Suche nach sich selbst taucht die Erzählfigur in die Vergangenheit ein, sucht nach der Geschichte der Blutbuche und forscht nach der nicht tradierten weiblichen Blutlinie. „Ich möchte wissen, wie diese Scheiße in unsere Adern kommt!“ Namen von Familienvorfahren, bis zurück ins 14. Jahrhundert, werden auf den Vorhang projiziert. Schicht um Schicht treten transgenerationale Traumata hervor, die Kim einem Konvolut mit den mütterlichen Recherchen zur weiblichen Linie entnimmt. Kim liest vor: von Vorfahrinnen – Hebammen und alleinstehende Frauen – als Hexen verbrannt, von Schwangerschaftsabbrüchen, Massenvergewaltigungen, Krieg, verstoßenen Kindern, Angstzuständen, Panikattacken.
Als die drei verschwitzten Erzählfiguren die Großmeer nach gut 90 Minuten schließlich zu Grabe tragen, haben sie geschafft, woran Generationen vor ihnen gescheitert sind: das Schweigen zu durchbrechen.
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