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Kiez-Social-Media Nebenan.deNachbarschaftlich profitorientiert

Unter den Nut­ze­r:in­nen macht sich Ärger breit: Zunehmend würden unkommerzielle Anbieter genötigt, teure Gewerbeprofile zu erwerben.

Sieht ländlich aus, ist aber mitten in Berlin-Neukölln: Karin Zwick im Garten „Silent Rixdorf“ Foto: Stefanie Loos

Berlin taz | Im Garten von Karin Zwick fühlt man sich sofort wie draußen auf dem Land. Die Insekten summen und die Vögel zwitschern, Hühner picken auf den Resten von Wassermelonen. Auf dem Tisch neben dem Hühnerstall steht jede Menge Essen, „zu verschenken“ ist auf einem kleinen Schild zu lesen. Es ist schwül an diesem Nachmittag und in der Luft liegt ein stechender Geruch von Biomüll. Trotzdem: Der kleine, wild gewachsene Garten im Neuköllner Ortsteil Rixdorf, mitten in der Stadt, lädt zum Verweilen ein.

„Wenn ich das Tor offen habe, kommen immer neugierige Besucher:innen“, erzählt die Gartenbesitzerin Zwick. Vor vier Jahren haben die 70-Jährige und ihre Familie hier den Verein „Silent Rixdorf“ ins Leben gerufen. „Ich mag es, mit den Menschen in Kontakt zu kommen“, sagt Zwick. Schon früher habe sie die Nach­ba­r:in­nen öfters in den Garten eingeladen, etwa zur Walnussernte.

Nun, in der Rente, wo es mehr Zeit gibt, ist ihr Garten ein Begegnungsort für Nach­ba­r:in­nen und Interessierte aus dem Kiez geworden. Im Garten werden regelmäßig Konzerte, Filmabende und Workshops veranstaltet.

Um auf das Projekt aufmerksam zu machen, hat Zwick länger die Onlineplattform Nebenan.de genutzt, auf der Nach­ba­r:in­nen miteinander in Kontakt treten können. Doch seit Juli hat Zwick das Portal verlassen. Sie sei „frustriert“, sagt sie. Der Grund: Nebenan.de sei inzwischen nicht so sozial, wie es vorgebe.

Unternehmen sollen zahlen

Gegründet wurde Nebenan.de im Jahr 2015 vom Berliner Start-up Good Hood GmbH, als Plattform, auf der Privatpersonen „teilen, tauschen, helfen, verschenken, verleihen“ und sich „verabreden“ können, wie das Unternehmen wirbt. Doch seit September 2020 gehört das Start-up zu 61 Prozent dem Medienkonzern Hubert Burda Media. Rund 3,6 Millionen Menschen nutzen die Plattform inzwischen. Die Plattform finanziert sich über drei Säulen: durch freiwillige Spenden von Nutzer:innen, über kostenpflichtige sogenannte Gewerbeprofile, sowie über Werbung.

Es ist die Sache mit den Gewerbeprofilen, die Gartenbesitzerin Zwick Probleme bereitet. Lange habe sie Nebenan.de als Privatperson genutzt und gepostet, wenn sie etwas zu verschenken gehabt habe, erzählt Zwick. „Das hat gut funktioniert.“ Doch als Zwick über ihr Profil auf das Honigerntefest von Silent Rixdorf aufmerksam machte, für das der Verein etwa einen Euro Eintrittsempfehlung zur Kostendeckung vorsah, löschte Nebenan.de den Beitrag. Der Grund: Zwick verfolge eine „Gewinnabsicht“, wofür eben die Gewerbeprofile vorgesehen seien.

Hintergrund ist eine Richtlinie des Netzwerks. Privatpersonen dürfen „nur Leistungen anbieten, die den nachbarschaftlichen und privaten Austausch fördern und bei denen kein finanzieller Hintergedanke im Vordergrund steht“, heißt es. Bei Missachtung werde der Beitrag ohne Vorwarnung gelöscht. Die Gewerbeprofile sind indes nicht nur für lokale Unternehmen vorgesehen, sondern auch für gemeinnützige Organisationen.

Wählen lässt sich zwischen unterschiedlichen Paketen: einem Basis-, Plus- und Profipaket, die sich etwa in der Anzahl der Werbebeiträge und der erzielten Reichweite der Beiträge unterscheiden. Ein Basispaket kostet im Jahrestarif 240 Euro, das Pluspaket 396 Euro und das Profipaket mehr als das Doppelte: 996 Euro.

Kostenlos kaum sichtbar

Zwar gibt es auch eine kostenlose Version für Gewerbetreibende und Organisationen. Diese habe aber eine „schlechte Sichtbarkeit“, kritisiert Zwick. Nur wenn die Nut­ze­r:in­nen sie „aktiv suchen“, würden sie überhaupt gefunden werden. „Das bringt uns als Verein überhaupt nichts, wenn uns niemand kennt“, sagt Zwick. Also schloss Zwick ein Basispaket ab. Doch nach einem Jahr habe für sie festgestanden: Die Kosten decken sich nicht.

Also habe sie wieder über ihr privates Profil gepostet, diesmal nur über kostenlose Aktionen wie Foodsharing informiert. Doch wieder löschte Nebenan.de ihren Post. Diesmal wegen sogenannter Wiederholungsabsicht. Denn für Beiträge, die innerhalb eines halben Jahres mehr als dreimal geteilt würden, benötigen Nut­ze­r:in­nen ebenfalls ein Gewerbeprofil.

Keine Lust auf teure Gebühren, um Obst zu verschenken: Gärtnerin Karin Zwick Foto: Stefanie Loos

„Ich habe mir gedacht, das kann doch nicht ihr Ernst sein“, sagt Zwick. Inzwischen ist die Gartenbesitzerin überzeugt davon, dass sich die Plattform mit einem „sozialen Mäntelchen nach außen schmückt“, eigentlich aber „knallharte Gewinnabsichten“ verfolge – weil sie eben versuche, die Nut­ze­r:in­nen in ein Bezahlprofil zu drängen.

Der Geschäftsführer von Nebenan.de, Philipp Witzmann, sagte zur taz, er höre solche Kritik nicht zum ersten Mal. Das Unternehmen sei gerade dabei, Feedback der gemeinnützigen Organisationen einzuholen. „Wir möchten in diesem Quartal herausfinden, wie ein für sie optimiertes Produkt aussehen müsste, das ihnen eine einfache und effektive Möglichkeit bietet, über ihre Veranstaltungen und Angebote zu informieren“, sagt der Geschäftsführer. Basierend auf diesen Ergebnissen werde entschieden, inwiefern „wir das bisher angebotene Produkt dediziert weiterentwickeln“.

Ausweichen auf andere Plattformen

Doch Zwick ist mit ihrer Kritik nicht alleine. Auch Annika Gläser, die als Yogalehrerin und Sanftheitsmentorin Bezahlkurse auf Nebenan.de anbietet, verbringt auf der Plattform nicht mehr so gerne Zeit wie früher. „Ich bekomme immer mehr Werbung angezeigt, aber kaum noch von den kleinen lokalen Gewerben“, sagt sie. Zudem hat sie den Eindruck, dass sie Anzeigen „kaufen muss“, damit ihre Dienstleistungen gesehen werden. Auch das Profil werde teurer. Doch für sie fühle „es sich so an, als wäre das, was ich dafür bekomme, schlechter“, sagt Gläser. Nun überlege sie, die Plattform zu verlassen. „Ich weiß nicht, ob ich mir die Tarife weiterhin leisten kann, ich kenne aber auch keine Alternative.“

Auf taz-Nachfrage schreibt das Unternehmen, der Anspruch von Nebenan.de sei es, sich „stetig weiterzuentwickeln“, um den Bedürfnissen „unserer Nut­ze­r:in­nen bestmöglich gerecht zu werden“.

Für Gartenbesitzerin Zwick kommt jedes Besserungsgelöbnis zu spät. Sie hat die Plattform inzwischen verlassen. „Ich verstehe, dass sich die Plattform finanzieren muss“, sagt sie. Aber: „Gewerbe und gemeinnützige Organisationen werden einfach in einen Topf geworfen.“ Für ihren Garten sei das schade – weil dieser doch eigentlich genau so ein Angebot anbiete, für das die Plattform stehe.

Auch an diesem Spätnachmittag komme noch ein Chor aus der Nachbarschaft vorbei, erzählt Zwick. Neulich sei eine Grundschulklasse in den Garten gekommen, um über Insekten zu lernen. „Da waren Kinder dabei, die das erste Mal gesehen haben, dass ein Huhn auf einem Ei sitzt.“ Oder wie eine Biene trinkt. Als die Hühner in den Garten zogen, habe es im Garten auf Vorschlag einer Besucherin ein „Hühnerwillkommensfest“ gegeben. Zusammen habe man Eierlauf gemacht, „Fuchs, du hast das Huhn gestohlen“ gesungen, und wer wollte, konnte sich als Huhn schminken lassen.

Über die Veranstaltungen informiert Zwick nun auf anderen Social-Media-Kanälen, sowie auf der eigenen Website. Aber: „Auf Nebenan.de hätte ich 16.000 potenzielle Interessent:innen“, sagt sie. Nun sei es schwieriger, die Menschen zu erreichen, die den Garten nicht kennen. Ihre Forderung: „Ich wünsche mir, dass Nebenan.de andere Formen anbietet, damit gemeinnützige Vereine ihre Projekte unabhängig von den eigenen Finanzen bewerben können“, sagt Zwick. Mal sehen, was das Unternehmen liefert.

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