Kiez-Döner in Halle wiedereröffnet

„Die beste Form der Solidarität“

40 Tage nach dem rechtsextremen Anschlag in Halle haben die Brüder Tekin ihr Dönerrestaurant wiedereröffnet. Das Gedenken an die Opfer bleibt.

Izzet Cagac (l) und Rifat Tekin stehen vor einer grünen Wand. An die Wand sind Trikots und Wimpel eines Fußballvereins geheftet. Kerzen stehen davor.

Izzet Cagac (l) und Rifat Tekin vor der Wand, an der der Opfer des Anschlags gedacht wird Foto: Alexander Prautzsch/dpa

HALLE taz | Zum ersten Mal seit 40 Tagen schneidet Ismet Tekin dünne Scheiben Fleisch von einem Spieß. Es ist halb zehn, kalt, obwohl die Glastür des Ladens geschlossen ist. Tekin ist still, nur das metallische Ratschen des Messerschärfens ist zu hören. Im Imbiss stehen keine Tische und Stühle, stattdessen ein langes Büffet, auf dem in großen Metallbehältern Salat, Rotkraut und Zwiebeln gehäuft sind. Pappteller stehen bereit, um gefüllt zu werden. Auf einem Bambustablett dampft Chai aus Plastikbechern.

40 Tage, so lang ist es her, dass Kevin S. an Tekins Arbeitsplatz erschossen wurde: dem Kiez-Döner in der hallensischen Ludwig-Wucherer-Straße. In vielen muslimischen Glaubensgemeinschaften wird eine 40-tägige Trauerzeit begangen, die rituell mit einem großen Essen abgeschlossen wird. Deshalb steht Tekin an diesem Samstag seit 7 Uhr in der Küche. Nun warten der Döner-Verkäufer und seine Kollegen auf Gäste.

Die Trauer ist noch sichtbar. Kevin S. war Fan des Halleschen FC. An der Wand, an der er von den Kugeln des Attentäters getroffen wurde, hängt nun eine Fußballtapete. Darauf sind Fotos, Fanschals und Trikot seines Vereins. Mittendrin eine goldene Gedenktafel: „Wo liebe wächst, gedeiht Leben – wo Hass aufkommt, droht Untergang“. Darüber die Namen von Kevin und Jana, dem zweiten Todesopfer des rassistischen und antisemitischen Anschlags vom 9. Oktober 2019.

In den vergangenen Wochen hatten Trauernde zahlreiche Grablichter vor dem Geschäft angezündet. Nun füllen diese Dutzende Kartons, die auf, unter und neben einem Tisch vor der Wand stehen. Man wird weiter gedenken, sagt der Ladenbesitzer Izzet Cagac. Die Kerzen möchte der Vater von Kevin S. haben.

Besuch von Haseloff

Am Ende der Dönertheke hängt ein Regal mit Zigaretten und Tabak, an der Wand darüber eine neue Videokamera. Sie ist auf den Eingang gerichtet, durch den um halb elf Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff kommt. Inzwischen sind einige Menschen da, die sich schweigend umschauen. Haseloff bricht mit der Zurückhaltung, bedient sich als erstes am Büffet. „Esst, das ist die beste Form der Solidarität hier“, sagt er in den Raum.

Gästebucheintrag von Reiner Haseloff, Ministerpräsident Sachsen-Anhalts

„Wir stehen alle zusammen“

Haseloffs Besuch scheint nicht den anwesenden Journalist*innen zu gelten, sondern dem Team vom Kiez-Döner: Besitzer Izzet Cagac, den Brüdern Ismet und Rifat Tekin und Cagacs Partnerin Myriam Skalska. Es ist nicht das erste Mal, dass sie sich begegnen. Nach dem Attentat, das die Tekin Brüder miterleben mussten, kam Haseloff mehrfach zu Besuch.

Izzet Cagac reicht dem Ministerpräsidenten ein Gästebuch. Haseloff wünscht einen guten Neustart. „Wir stehen alle zusammen“, schreibt er hinein. Als Haseloff den Kiez-Döner verlässt, scheint draußen zum ersten Mal an diesem Tag die Sonne durchs kalte Grau. Dann gehen auch die Kamerateams. Dafür kommen Anwohner*innen und Fans des Halleschen FC herein.

Lächeln hinter dem Einschussloch

Nach dem Anschlag hatten sich Izzet Cagac und die Rifat-Brüder gesorgt, dass niemand mehr in ihrem Dönerladen essen würde – einem Tatort. Doch jetzt bildet sich eine Schlange aus Nachbar*innen, Fans des Fußballclubs und Kindern vor dem Büffet. Jungs in Kapuzenpullovern stapeln Rotkraut, Weißkraut und Fleisch auf Papptellern. Sie dürfen so viel nehmen, wie sie wollen.

Ein glatzköpfiger Mann in schwarzem Anorak steht steif vor der Gedenkwand. Er bleibt mehrere Minuten stehen, sein Blick ist starr. Um ihn herum tauschen sich zwei Frauen darüber aus, was vor 40 Tagen passierte. Andere Gäste quatschen über Alltägliches, manche lachen. Vor dem Laden essen Familien an Klapptischen und auf dem Fensterbrett. „So viel Döner konntest Du noch nie essen, was?“ sagt eine. An der Scheibe, die sie vom Ladeninneren trennt, ist ein Einschussloch von Klebeband gerahmt. Auf der anderen Seite steht Rifat Tekin hinter der Theke und lächelt.

Ismet Tekin, Inhaber des Kiez-Döner

„Ich war zu Hause, traurig“

Eine Briefträgerin kommt. Sie schaut durch die Tür, reicht Ismet Tekin einen Briefumschlag über die Theke. Etwas Normalität. Tekin reicht Cagac den Umschlag. Die Familienministerin Franziska Giffey hat ihnen von Hand geschrieben. Auf dem Deckel der Karte steht „Alles Gute“ über einem Bild mit bunten Regenschirmen. Am Montag wird der Kiez-Döner wieder den normalen Betrieb aufnehmen, erzählt Inhaber Izzet Cagac.

Ismet und sein Bruder Rifat Tekin werden den Kiez-Döner von Cagac übernehmen. „Dann ist alles vorbei“ sagt Cagac. Ismet Tekin weiß nicht, ob er damit abschließen kann. Die vergangenen Wochen waren hart. „Ich war zu Hause, traurig. Und zehn Tage in Österreich mit meiner Frau“, erzählt Tekin. Erholsam sei auch das nicht gewesen. Er neigt seinen Kopf und blinzelt langsam über seine tiefen Augenringe hinweg.

Dieser Samstag ist im Kiez-Döner in Halle noch kein normaler Tag. Da sind die vielen Kamerateams, der Ministerpräsident und gegen Mittag kommt Terrence Boyd, Spieler des Halleschen FC mit seiner Frau und den beiden Kindern. Es ist nicht abzusehen, wann wieder Normalität einkehren wird. Klar ist aber: Ismet Tekin möchte ab Montag wieder im Kiez-Döner arbeiten. „Ich versuche es“.

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