: Kettenreaktion: Pakistan zündet Bombe
■ Ministerpräsident Nawaz Sharif gibt fünf Atomtests bekannt und beschleunigt den Rüstungswettlauf auf dem asiatischen Subkontinent. Nur sechs Prozent der Pakistanis sind gegen die Tests. USA verhängen Sanktionen
Delhi/Islamabad(taz/AFP) – Pakistan hat gestern in einer dünnbesiedelten Wüstenregion in der Provinz Belutschistan fünf unterirdische Atomtests durchgeführt. Es waren die ersten offiziellen Atomtests des südasiatischen Landes. Einzelheiten wurden zunächst nicht bekannt. Nach den indischen Versuchen vor zwei Wochen war es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch Pakistan seine jahrzehntelange „nukleare Ambivalenz“ aufgeben würde.
Der pakistanische Ministerpräsident Premier Nawaz Sharif sagte in einer Rundfunkrede, die Tests seien „unvermeidlich“ geworden. Sharif sprach von einem „vielversprechenden Tag von historischer Bedeutung“ für Pakistan. „Wir haben alle Angebote und Anreize ausgeschlagen“, auf Atomtests zu verzichten, und mit Indien gleichgezogen, fügte er hinzu. Indien habe bereits Raketen auf Pakistan gerichtet. Den erwarteten internationalen Sanktionen werde Islamabad mit Sparmaßnahmen und Einschränkungen trotzen. Ein hochrangiger Vertreter Pakistans sagte, weitere Atomtests seines Landes in den kommenden Tagen seien wahrscheinlich.
Im indischen Parlament löste die Nachricht über die pakistanischen Tests Tumulte aus. Premier Atal Behari Vajpayee sagte, das Vorgehen Islamabads beweise nur, daß die indische Politik richtig sei. International wurden die pakistanischen Tests verurteilt; die USA verhängten Sanktionen. Die US-Entwicklungshilfe und sämtliche Rüstungsgeschäfte mit Pakistan wurden eingefroren.
Sharif war nach den indischen Atomversuchen unter starken Druck der Öffentlichkeit und Parteien in seinem Land geraten, mit eigenen Tests zu kontern. Nur etwa sechs Prozent der Pakistanis sprachen sich gegen eigene Atomtests aus.
Der Schritt der pakistanischen Regierung bedeutet die Wiederherstellung des Gleichgewichts des Schreckens zwischen den Nachbarstaaten und alten Rivalen, die bereits drei Kriege gegeneinander geführt haben. Mit seinen Tests hatte sich Indien in den Klub der fünf offiziellen Atommächte gedrängt. Nun wird das Land wenig Schwierigkeiten darin sehen, dem internationalen Atomteststoppvertrag beizutreten. Hätte Pakistan nicht jetzt nachgezogen, wäre das Land – mit Ausnahme Israels – der einzige Staat mit Atombomben geblieben, der sie noch nicht offiziell getestet hat. Indiens Unterschrift hätte den internationalen Druck auf Pakistan massiv erhöht, ebenfalls dem Teststoppvertrag beizutreten, ohne daß das Land seine nukleare Ebenbürtigkeit mit Indien demonstriert hätte.
Die beiden Testserien in Indien und Pakistan eröffnen nun immerhin die Chance, daß beide Staaten in dieses internationale Kontrollregime eingebunden werden. Allerdings zeigen die Tests auch, daß das Abkommen über die Nichtverbreitung von Atomwaffen löchrig geworden ist. Die USA hatten sich deshalb so stark gegen die pakistanischen Atomtests gewandt, weil sie befürchten mußten, daß sich mit Indien und Pakistan die Tür für weitere Tests durch andere Staaten öffnen könnte – allen voran Iran.
Es wäre falsch, dafür nur die Länder des Subkontinents und ihre gegenseitige Feindschaft verantwortlich zu machen, meinte ein indischer Abrüstungsexperte kürzlich. Das hartnäckige Insistieren der Atomstaaten auf ihren bestehenden Arsenalen habe diesen Ländern die Ausrede geliefert, auch für sich selbst Atomwaffen als Sicherheitsinstrumente in Anspruch zu nehmen. Tagesthema Seite 3
Kommentar Seite 12
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen