Katrin Seddig Zu verschenken: Diese ganzen Dinge, sie kommen immer noch zu mir
Vergangenes Jahr starb ein lieber Freund und hinterließ eine Menge Bücher. Er hatte diese vielen Bücher, weil sie ihm, jedes einzelne, so viel bedeuteten. So viel Zeit hatte er in Antiquariaten verbracht, hatte so viel über Bücher, über Literatur gewusst, es war sein Leben. Aber welches Buch war denn nun mehr wert als ein anderes? Nicht einmal annähernd hätte ich, hätten wir, wie wir da standen, in seiner Wohnung, umgeben von seinen Büchern, diese Bücher sichten und uns für eines oder drei oder vier entscheiden können. „Nimm dieses“, sagte ein Freund und drückte mir „Der Krieg mit den Molchen“ in die Hand. Und ich dachte, ja, das wollte ich schon lange lesen und packte es ein. „Niemand will diese Bücher haben“, hatte die Lebensgefährtin unseres Freundes gesagt. Sie hatte Antiquariate kontaktiert. Es war alles wertlos geworden, was ihm so wertvoll gewesen war.
Vergangenes Jahr war ich auch bei Freunden, die ihr Elternhaus ausräumten und ich suchte mir eine Menge Handschuhe und Tücher und Strumpfhosen aus.
Seitdem denke ich über die Dinge nach, die ich besitze. Ich bewohne eine kleine Wohnung und kann schon aus diesem Grund nicht so viel ansammeln, wie jemand, der ein Haus besitzt, aber es ist doch einiges, womit ich diese kleine Wohnung gefüllt habe. Meine Bücher, meine Kleider, meine Platten. Ich denke, wenn ich sterbe, dann haben meine Kinder, meine Freund*innen eine Menge auszuräumen. Ich habe diesen Gedanken noch nicht so lange. Ich denke, ich möchte nicht, dass nach mir jemand so viel aufzuräumen hat. Das ist ja ein irgendwie seltsamer Gedanke, den ich früher nicht hatte. Und immer noch schaffe ich an. Ich habe mir neue Stiefel gekauft. Einen Pyjama. Auf der Straße habe ich einen Kaffeefilter aus Keramik gefunden. Er ist winzig und reicht für eine Tasse (wo bekomme ich so kleine Filtertüten her?). Diese ganzen Dinge, sie kommen immer noch zu mir, immer noch überlege ich, was brauche ich, was will ich? Werde ich diese Strumpfhosen, die ich jetzt besitze, je tragen können? Es ist mir ein ganz neuer, wenn auch banaler Gedanke, dass all diese Dinge, dir mir etwas bedeuten, ohne mich kaum einen Wert besitzen. Dass der Wert wahrscheinlich nur für mich besteht. Und dass all diese Dinge anzusammeln keine Sicherheit bringt. Mein Freund ist einfach gestorben und seine vielen wunderbaren Bücher haben ihm keine Sicherheit gebracht. Sie haben ihn im Stich gelassen.
Katrin Seddig ist Schriftstellerin und lebt in Hamburg.
Soll ich dann besser die Dinge loslassen und anders leben (Ich finde diese minimalistischen Wohnungen so schick!)? Aber ich hänge an meinen Dingen. Ich nutze sie. Ich höre meine Platten, ich ziehe meine Kleider an, alle nacheinander trage ich sie, durch die Jahreszeiten hindurch, die für den Winter, die für den Frühling und den Sommer und den Herbst. Ich liebe jetzt schon diesen kleinen Kaffeefilter und werde ihm kleine Filtertüten besorgen. Ich liebe meine Dinge, weil ich sie ausgesucht habe oder weil ich sie geschenkt bekam. Vielleicht ist das falsch und ich sollte mein Herz nicht an Dinge hängen, aber ich hänge mein Herz ja auch an Menschen. In meinem Herzen ist Platz für Dinge und Landschaften und Jahreszeiten und Menschen. Ich habe einen großen Koffer voller Strumpfhosen und wenn ich mir ein Kleid vom Bügel nehme, öffne ich den Koffer und suche eine Strumpfhose in der passenden Farbe dazu aus. Das ist so ein Reichtum! Wer hat denn so etwas? Ich habe das. Ich bin reich. Das kann ich mir einfach nicht abgewöhnen, reich zu sein. Ich habe sehr gute Freund*innen und sehr viele Strumpfhosen. Ich bin einfach reich. Da kann man nichts machen. Ich nehme mein Schicksal an. Es tut mir leid für meine Freund*innen und Kinder, wenn sie einmal meine Wohnung ausräumen müssen, aber so ist nun mal die Situation.
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