Kartoffeln in Berlin: Bitte nur 4 Kilo pro Person
1.300 Initiativen wollen die kostenlosen Erdäpfel verteilen. Die ersten Lieferungen, etwa in Schöneberg Nord und der Tafel, finden reißenden Absatz.
Eine Tonne Kartoffeln passt in den Big Pack, der in der Pallasstraße vor dem Laden der Stadtteilkoordination Schöneberg Nord steht. Frauen jeden Alters umringen den weißen Plastiksack, viele tragen Kopftücher und lange Mäntel. Mit beiden Händen wühlen sie in den sandigen braunen Erdäpfeln, stopfen sie in mitgebrachte Einkaufstaschen und Beutel. Kleine und mittlere Kartoffeln sind besonders begehrt. „Drei, vier Kilo pro Person“, mahnt eine Stadtteilmutter vom Stadtteilbüro, die die Verteilaktion begleitet. Bei Müttern, wo sie weiß, dass große Familien zu ernähren sind, lässt sie größere Mengen durchgehen.
Am Donnerstagmorgen sind die Kartoffeln in Berlin angekommen. Es handelt sich um den ersten Teil einer Lieferung. Insgesamt sind es 4.000 Tonnen, die das in der Nähe von Leipzig gelegene sächsische Landwirtschaftsunternehmen Osterland Agrar der Bevölkerung in diesen Tagen kostenlos vermacht. Initiativen, Sozialprojekte und Kindergärten konnten sich um die Lieferung bewerben. Bedingung war, mindestens eine Tonne abzunehmen. Der Löwenanteil geht an Berlin. Begleitet wurde die Aktion von der Berliner Morgenpost und der Öko-Suchmaschine Ecosia.
1.300 Berliner Projekte hatten sich bereits auf der Website um die Kartoffeln beworben, als Tina Waleschkowski, Leiterin des Stadtteilbüros Schöneberg Nord, den Hut in den Ring warf. Riesig sei die Freude gewesen, dass man am Donnerstag zu den ersten Belieferten gehörte, erzählt Waleschkowski der taz. Über Instagram und Whatsapp haben die Stadtteilmütter die Nachbarschaft rund um das Pallasseum informiert.
So heißt der Komplex in der Pallasstraße, in dem es 500 Wohnungen gibt, aber wohl mehr als 2.000 Menschen leben. Viele Familien haben ein geringes Einkommen, viele haben einen türkischen oder arabischen Hintergrund. Das letzte Monitoring aus dem Jahr 2024 besage, dass der Kiez in Deutschland der mit der höchsten Kinderarmut sei, sagt Waleschkowski.
Eigentlich wollte die sächsische Osterland Agrar eine Pommesfabrik mit den Kartoffeln beliefern. Die hatte vor der Saison auch schon bezahlt, die Abnahme lehnte sie jedoch ab. Nicht nur in Deutschland war die Ernte 2025 größer als in den Vorjahren. Dazu kam, dass die Kartoffelanbauflächen im vergangenen Jahr ausgedehnt worden waren. Geschehen in der Hoffnung, andere Teile Europas beliefern zu können, wie der Spiegel unter Berufung auf Agrarexperten schreibt. Aber überall in Europa sei die Kartoffelernte sehr gut ausgefallen. Fazit: Es gibt zu viele Kartoffeln.
An der Geschenkaktion von Osterland Agrar regt sich aber auch Kritik. Der Markt werde mit Gratisware zugeschwemmt, die den regionalen Erzeugern schade.
Auch die Tafel verteilt
Am Donnerstag wurde gleich in der Frühe auch die Berliner Tafel beliefert. 22 Tonnen Big Packs lud der aus Sachsen kommende Lastwagen mit einem Kran im Logistikzentrum in der Beusselstraße ab. Die Weitergabe der Kartoffeln in Kistenform hat bereits begonnen. 400 soziale Einrichtungen vom Seniorenheim bis zum Frauenhaus würden beliefert, sagt Sabine Werth, Tafelgründerin und ehrenamtliche Vorsitzende. Dazu kämen die 48 Abgabestellen von Laib und Seele und sieben Pop-up-Ausgabestellen. Dort werden die Kartoffeln in Tüten weitergereicht.
Dass es auch Kritiker der Geschenkaktion gibt, verwundert Werth nicht. Auch die Tafel müsse sich für die Verteilung von Lebensmitteln, die sonst verderben würden und vernichtet werden müssten, oft rechtfertigen. Die Kritik: dass sich an der Armutssituation der Leute dadurch nichts ändere.
In der Pallasstraße ist der Big Pack um 12 Uhr mittags schon halb leer. Eine alte Frau transportiert den vollen Jutebeutel auf ihrem Rollator ab, eine andere auf der Ablage unter dem Kinderwagen.
Kartoffeln in besonderen Formen, die aussehen wie ein Herz oder wie Wichtelmänner, werden auf Bitte von Tina Waleschkowski aus dem Plastiksack aussortiert. Sie will davon Fotos machen. „Guck mal, sieht aus wie ein Faultier“, sagt sie und deutet auf eine der aussortierten Kartoffeln, die in dem Nachbarschaftsladen auf ihrem Schreibtisch liegen.
Ihrem achtjährigen Sohn habe sie versprochen, dass er am Nachmittag nach der Schule bei der Verteilaktion helfen könne, erzählt Waleschkowski. Aber nun sei sie nicht mehr sicher, dass der Vorrat bis dahin reiche. Mit so einer Mundpropaganda habe sie nicht gerechnet. „Aber was weg ist, ist weg“, freut sie sich.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert