Kandidatinnenkür der Grünen in Berlin: Grüne Frau will ins Rote Rathaus

Die Berlin-Grünen schicken weder Pop noch Kapek ins Rennen um die aussichtsreiche Spitzenkandidatur. Sondern Bettina Jarasch.

Porträt von Bettina Jarasch

Frisch gebacken: Die Überraschungskandidatin Bettina Jarasch bei ihrer Vorstellung Foto: Christoph Soeder/dpa

Würde es die Wirtschaftssenatorin vom Realo-Flügel werden, Ramona Pop? Oder Antje Kapek, Parteilinke und Fraktionschefin im Berliner Abgeordnetenhaus? Seit über einem Jahr sorgt die Frage nach der Grünen-Spitzenkandidatin bei der Berlinwahl im Herbst 2021 für ungezählt viele Mutmaßungen, Abwägungen und Kommentare. Sicher schien nur eins: Für diesen Job konnte nur eine der beiden infrage kommen.

Eine Fehleinschätzung: Als der Grünen-Landesvorstand am Montagmittag, 5. Oktober, die Spitzenkandidatin präsentierte, stand weder Pop noch Kapek in der Mitte, sondern die frühere Landesvorsitzende Bettina Jarasch.

„Eine Stadt. Viele Themen. Alle im Blick. Ich will Verantwortung für unsere einmalige Stadt übernehmen – im Roten Rathaus als Regierende Bürgermeisterin“, twitterte die dem Realo-Lager zugeordnete Jarasch kurz darauf selbst. Sie wäre nicht nur die erste grüne Regierungschefin in Deutschland, sondern auch die erste Regierende Bürgermeisterin in Berlin.

Die Chancen dafür stehen knapp ein Jahr vor der Wahl gut: Die Grünen liegen in der jüngsten Umfrage mit 26 Prozent weit vor der CDU (22) und noch weiter vor ihren Koalitionspartnern SPD und Linkspartei mit je 15 Prozent.

Karriere nach dem Knick

Jarasch als Spitzenkandidatin kommt nicht nur überraschend, weil alles auf Pop oder Kapek deutete, sondern auch, weil Jarasch selbst ihre beste Zeit bei den Grünen hinter sich zu haben schien.

Fast sechs Jahre lang hatte sie bis Ende 2016 die Berliner Grünen in einer äußerst erfolgreichen Doppelspitze geführt und den nach der enttäuschenden Berlinwahl 2011 zerstrittenen Landesverband wieder befriedet. Zudem war sie Mitglied im Bundesvorstand.

Doch ausgerechnet als die Grünen im Jahr 2016 nach jahrzehntelanger Opposition – ausgenommen ein knappes halbes Jahr als Teil einer Übergangsregierung 2001 – kleinster Partner der neuen rot-rot-grünen Landesregierung wurden, kippte Jaraschs Karriere.

Denn als die heute 51-Jährige wenige Monate später Spitzenkandidatin der Berliner Grünen für die Bundestagswahl 2017 werden wollte, ließ ihre Partei sie durchfallen: Kaum mehr als ein Viertel votierte bei einer Mitgliederversammlung für sie.

Kirche statt Kreuzberg

Auch bei einer weiteren Kandidatur für Listenplatz 2 war sie, die als Parteivorsitzende Wahlergebnisse von teils weit über 90 Prozent bekommen hatte, chancenlos.

Jarasch, 1968 in Augsburg geborene gelernte Journalistin und Mutter von zwei Kindern, lange Referentin in der Grünen-Bundestagsfraktion und enge Mitarbeiterin der ehemaligen Bundesministerin Renate Künast, blieb im Abgeordnetenhaus, dem Berliner Landesparlament.

Dort kümmerte sie sich intensiv, aber nicht länger im Medienfokus, um Flüchtlings- und Integrationspolitik. Dass sie in der Grünen-Fraktion auch Sprecherin für Religionsfragen ist, kommt nicht ohne Grund: Denn Jarasch ist, alles andere als typisch für eine Kreuzberger Grüne, seit vielen Jahren auch Vorsitzende des Pfarrgemeinderats der katholischen Kirchengemeinde St. Marien Liebfrauen.

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