Kampf gegen Corona in Großbritannien: Johnsons Kehrtwende

Der britische Regierungschef Boris Johnson kündigt verschärfte Maßnahmen gegen die Epidemie an – und ändert damit die bisherige Strategie radikal.

Demonstranten in Schutzanzügen fordern härtere Maßnahmen gegen den Coronavirus in Großbritannien.

Fordern härtere Maßnahmen gegen das Coronavirus: Demonstranten in London Foto: Dominic Lipinski/PA Wire/dpa

LONDON taz | Großbritanniens Premierminister Boris Johnson hat am Montagabend in einer Pressekonferenz neue verschärfte Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus verkündet. Sie sind nicht so streng wie in Frankreich, dennoch waren am Dienstagmorgen die normalerweise verstopften Straßen Londons wie leergefegt.

Zu den britischen Maßnahmen gehören eine 14-tägige Selbstisolation, falls irgendeine Person an einem hartnäckigem Husten oder Fieber leidet. Niemand solle dann den Haushalt verlassen, es sei denn in sicherer Distanz zu anderen. Um Lebensmittel aufzustocken, sollten Nachbarn und Bekannte helfen.

Außerdem gab es einen Aufruf an die Allgemeinbevölkerung, „soziale Distanz“ zu anderen zu halten, wenn möglich von zu Hause zu arbeiten, nicht in Pubs, Theater, Kinos und dergleichen zu gehen und keine unnötigen Reisen anzutreten.

Besonders wichtig sei all dies für die über 70-Jährigen. Sie sowie Schwangere und Menschen mit chronischen Gesundheitsbeschwerden sind wahrscheinlich ab dem Wochenende aufgerufen, sich zwölf Wochen lang von der Gesellschaft abzuschirmen.

Eine Kehrtwende

Von „Krieg“ wie Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron sprach Johnson nicht, aber er sagte: „Ich glaube nicht, dass es so etwas jemals zu Friedenszeiten gegeben hat.“ Johnsons Maßnahmenpaket stellt den Vollzug einer Kehrtwende gegenüber der zunächst verfolgten Strategie dar, nicht von vornherein auf die Minimierung von Sozialkontakten zu zielen.

Bisher hatte die britische Regierung sich bei der Interpretation der Corona-Lage vor allen auf ältere Studien zur Bekämpfung von Epidemien gestützt, die zu Beginn einer Ausbreitung auf das Erzeugen von Immunität in der Bevölkerung setzen und dafür anfangs mehr Infektionen bei wenig gefährdeten Menschen in Kauf nehmen. Diese britischen Standards für Gesundheitsnotstände galten mit als die besten der Welt.

Doch eine neue Studie des weltweit anerkannten Londoner Imperial College, die neue Corona-Beobachtungen aus Italien berücksichtigt, sowie des renommierten Londoner Tropeninstituts hatten zuletzt andere Erkenntnisse erbracht: Das Coronavirus breite sich für so eine Strategie viel zu schnell aus. Ohne geeignete Maßnahmen zu einer vollkommenen Unterdrückung könnte es in Großbritannien bis Ende des Sommers bis zu 250.000 Tote geben.

„Wir haben das Timing ziemlich präzise getroffen“, meinte Professor Neal Ferguson vom Imperial College. Großbritannien liege den Infektionszahlen nach zwei Wochen hinter Frankreich – am Dienstagnachmittag verzeichnete Großbritannien 1.950 Infektionsfälle und 56 Tote, Frankreich 6.633 Fälle und 148 Tote – und so kämen die neuen Maßnahmen vergleichsweise früher.

Eine Kontaktsperre

Bei starkem Zurückdrängen der weiteren Ausbreitung des Virus durch soziale Distanz betrage die Zahl der britischen Toten am Ende des Sommers dann hoffentlich nur noch wenige Tausende, erklärte Ferguson.

Eine Aussicht auf die Aufhebung der Maßnahmen gebe es aber nur dann, wenn es bis dahin einen Impfstoff gebe. Sonst würde sich das Virus wieder ausbreiten. Dies ist auch der derzeitige Stand der WHO. Am Dienstagmorgen sagte Ferguson, dass jegliche Art von sozialen Kontakten zu vermeiden sei.

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