KI statt Par­la­men­ta­ri­er*n­nen: Wunsch nach automatisierter Politik

Laut einer Studie würde eine Mehrheit Po­li­ti­ke­r*innen durch KI ersetzen. Doch das wäre keine Chance, sondern eine Gefahr für Demokratie.

Blick ins Spanische Parlament in Madrid

Ein Parlament, das nicht mehr aus Menschen, sondern aus KI besteht, ist im Jahr 2021 eine Dystopie Foto: Agencia EFE/imago

Seit Gott gestorben ist, wurde er wahlweise durch Königreiche, Geld oder Popkultur ersetzt. Heute scheinen sie von Algorithmen verdrängt worden zu sein und den mit ihnen agierenden Maschinen namens Künstliche Intelligenz.

Auch ihrer Herrschaft glauben Menschen oft blind, zweifeln dabei aber immer auch ein bisschen, wenn sie etwa ein Backrezept googeln und drei Minuten später Werbung für Backformen bekommen. Doch trotz der vielen anderen toxischen Aspekte ist ihr Regime einfach viel zu bequem, um hinterfragt zu werden.

So verwundert das Ergebnis einer Studie des Center for the Governance of Change der spanischen Universität IE, in der knapp 3.000 Menschen aus 11 Ländern befragt wurden, nur wenig. Darin spricht sich eine Mehrheit der Eu­ro­päe­r*in­nen dafür aus, Abgeordnete durch künstliche Intelligenz zu ersetzen – auch wenn sie Zugriff auf ihre Daten hätte.

Während sich in Spanien 66 und in Italien 59 Prozent dafür aussprachen, sind in Deutschland 56 Prozent dagegen. In nichteuropäischen Ländern, wie beispielsweise China (75 Prozent), ist die Zustimmung teilweise noch höher.

Vor KI sind nicht alle gleich

Doch entspringt die hohe Zustimmung dem Wunsch nach automatisierter Politik oder eher einem Vertrauensverlust in die Demokratie? Dem Studienleiter Oscar Johnson zufolge bestehe ein Zusammenhang mit einer gewachsenen Polarisierung und Filterblasen.

So wie einst Gott tat, als handle er universal, so würde eine KI im Jahr 2021 nie alle Interessen aller Gruppen mitbedenken

Dass jedoch genau jene Filterblasen auch von künstlicher Intelligenz geprägt sind, scheint heute genauso verdrängt worden zu sein wie die Erkenntnis, dass „vor Gott“ eben nicht „alle gleich“ sind. Natürlich gibt es genügend Gründe, die Legitimität politischer Akteure und Institutionen angesichts zunehmender Einflussnahme privater Interessengruppen infrage zu stellen – der Politikwissenschaftler Colin Crouch nannte den Zustand des Vertrauensverlusts in die repräsentative Demokratie einst „Postdemokratie“. Doch dass KI dieses Vertrauen wiederherstellen könnte, ist eine Illusion.

Denn wie einst Gott stets tat, als handle er universal und beruhe auf einer gemeinsamen Wirklichkeit, so würde eine KI im Jahr 2021 nie alle Interessen aller Gruppen mitbedenken. Nicht, weil sie es nicht könnte, sondern weil eine KI immer nur mit den Rohdaten einer Welt arbeiten kann, die bisher gesammelt wurden.

Und solange viele Menschen in dieser Welt rassistisch, sexistisch und kapitalismusfreundlich agieren, ist der Gedanke an ein KI-Parlament keine Uto-, sondern Dystopie.

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