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Justiz stellt Dutroux' Ankläger kalt

■ Landesweite Proteste in Belgien gegen die Ablösung des Untersuchungsrichters Connerotte. Der Oberste Gerichtshof hatte den Kinderporno-Ermittler wegen eines Abendessens mit den Nebenklägern für befangen erklärt

Brüssel (taz) – Der Oberste Gerichtshof in Brüssel hat gestern den Untersuchungsrichter von NeufchÛteau, Jean-Marc Connerotte, seiner Aufgaben im Fall Dutroux enthoben. Connerotte und sein Staatsanwalt Michel Bourlet gelten seit der Aufdeckung des Kinderschänderskandals in weiten Teilen der Bevölkerung als die letzten Aufrechten einer verluderten Justiz. Vor dem Justizpalast in Brüssel fuhren gestern nachmittag Wasserwerfer der Polizei auf, um die fünf Obersten Richter vor der aufgebrachten Menge zu schützen.

Wie schon am Vortag waren in vielen Städten Belgiens Tausende auf die Straßen gegangen, um gegen die absehbare Amtsenthebung Connerottes zu protestieren. „Hände weg von Connerotte“, stand auf den Transparenten und „Belgien verlangt die Wahrheit“. Vor dem Justizpalast schrien sich viele die Wut aus dem Leib, die Mutter eines der verschleppten Mädchen warnte: „Die Amtsenthebung von Connerotte wird eine Revolution auslösen.“

Connerotte und sein Staatsanwalt Bourlet hatten vor zwei Monaten den einschlägig vorbestraften Kinderschänder Marc Dutroux festnehmen lassen und zwei Kinder aus dem Keller von Dutroux befreit. Vier weitere Mädchen wurden im Garten tot ausgegraben. Die Kinder waren monatelang in einem Erdloch gefangengehalten und mißbraucht worden, obwohl die Polizei zahlreiche und eindeutige Hinweise hatte. Nachdem nach und nach bekannt wurde, daß Dutroux jahrelang von einflußreichen Persönlichkeiten in Politik und Justiz gedeckt wurde, hatte Bourlet angekündigt, er werde alle Schuldigen vor Gericht bringen, „wenn man mich läßt“. Vor vier Tagen berichtete die belgische Zeitung De Morgen, Connerotte und Bourlet hätten Beweise, daß es seit 25 Jahren einen gut organisierten Ring für Kinderprostitution gebe. Dutroux sei nur einer von mehreren Kinderlieferanten gewesen.

Doch der Volksheld Connerotte hat einen juristischen Fehler begangen. Er hat an einem Dankessen des Vereins „Marc et Corinne“ teilgenommen, einer Selbsthilfegruppe von Eltern entführter Kinder. „Marc et Corinne“ tritt im Fall Dutroux als Nebenkläger auf. Nach belgischem Recht darf ein Untersuchungsrichter keine Zuwendungen von einer der am Verfahren beteiligten Parteien annehmen. Der Oberste Gerichtshof befand, daß der Teller Spaghetti, den Connerotte bei „Marc et Corinne“ gegessen hat, seine Unabhängigkeit in Frage stellt.

In der Bevölkerung gibt es wenig Verständnis dafür, daß die belgische Justiz auf eine strikte Auslegung pocht. Gerüchte, wonach hohe Politiker und Justizbeamte in das Geschäft mit der Kinderprostitution verwickelt sind und die Aufklärung verhindern wollen, bekamen gestern neue Nahrung. Wohl mit Rücksicht auf die angespannte Stimmung im Land hat der Oberste Gerichtshof den Fall nicht wie befürchtet an Lüttich überwiesen, sondern den zweiten Untersuchungsrichter in NeufchÛteau damit beauftragt. Dadurch kann zumindest der Staatanwalt Michel Bourlet weiter an der Untersuchung teilnehmen. Alois Berger

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