Journalistin über Venezuela in der Krise

„Ich lebte permanent in Angst“

Marjuli Matheus Hidalgo ist Journalistin aus Venezuela. Inzwischen arbeitet sie von Chile aus. Ein Gespräch über ihre Arbeit in dem Krisenland.

Die venezonalische Journalistin Marjuli Matheus Hidalog im Portrait

„Ich schlage mich nicht auf die Seite einer Machtgruppe, sondern zeige die Sicht der Verletzlichen“ Foto: Yender Hernández

taz am wochenende: Frau Ma­theus, seit einigen Monaten leben Sie in Santiago de Chile. Warum haben Sie Venezuela verlassen?

Marjuli Matheus Hidalgo: Ich wollte Venezuela nicht verlassen, denn politisch und journalistisch gesehen ist es ja ein spannender Zeitpunkt gesellschaftlicher Veränderung. Durch die Arbeit im Ausland konnte ich mir länger als andere das Leben in Venezuela leisten, aber es kam ein Punkt, an dem mein Erspartes aufgebraucht war. Bis zum letzten Moment dachte ich, ich könnte Widerstand leisten und bleiben, aber es ging nicht mehr. Auch beruflich blieben mir keine Perspektiven.

Sie sind seit vielen Jahren journalistisch tätig. Wann begannen Sie Veränderungen der Presse- und Meinungsfreiheit wahrzunehmen?

Ich bemerkte in den 2000ern, wie Redaktionen verschiedener Medien ihre Seitenanzahl reduzierten, weil der Staat eine Richtlinie für die Presse herausgab. Wer sich nicht an diese Regeln hielt und kritisch berichtete, war Repressalien ausgesetzt. So nahm auch die Zahl von Journalist*innen ab. Über zehn Jahre wurden die Medien durch Sanktionen und Gesetze immer weiter eingeschränkt. Über bestimmte Themen durfte nicht mehr gesprochen werden und es gab auch sprachliche Einschränkungen. Heute etwa müssen alle Medien Nicolás Maduro den rechtmäßigen Präsidenten nennen. Wer Juan Guaidó als Präsident Venezuelas bezeichnet, verliert den Job.

In den Medien erscheinen regelmäßig Nachrichten von Journalist*innen in Venezuela, die verhaftet werden. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Die Journalistin aus Caracas arbeitete seit den 2000ern für Medien der venezolanischen Verlage Cadena Capriles und Bloque Dearmas. Für ausländische Medien war sie Caracas-Korrespondentin.

Matheus arbeitet in Santiago de Chile, berichtet aber weiter über Venezuela. Sie hält telefonisch Kontakt zu Kolleg*innen und Quellen im Land und kritisiert die Einschränkungen der Pressefreiheit während der Amts­zeiten von Hugo Chávez und Nicolás Maduro.

2001 ging ich für eine ­Reportage ins Zentrum von ­Caracas, um über eine Aktivität von Chávez zu berichten. Die Polizei warnte mich, dass ich meinen Presseausweis verstecken sollte, weil Verbündete von Chávez Journalist*innen angriffen. Chávez war dafür bekannt, gezielt einzelne Journalist*innen zu attackieren. Einzelpersonen haben Familie, einen Ruf und sind verwundbar, das nutzte er aus. Als Journalistin lebte ich über ein Jahrzehnt lang permanent mit der Angst vor Zensur oder vor Angriffen. Bis zum letzten Tag in Venezuela lebte ich mit Angst. Noch am Flughafen befürchtete ich, sie würden mich nicht gehen lassen. Vorher war es mir schon mal passiert, dass ich für arbeitsbedingte oder private Reisen das Land nicht verlassen durfte – weil ich Journalistin bin.

Wie gingen Sie mit Zensur um?

Bei den Medien, wo ich arbeitete, versuchten wir, Probleme zu vermeiden. Das frustrierte mich sehr. Als 2014 Protest­teilnehmer*innen bei Demonstrationen gegen Maduro getötet wurden, stellten wir das nicht auf die Titelseite. Solche sensiblen Themen konnten wir nicht ansprechen. Eine Zeit lang gab ich dem Medium, für das ich arbeitete, die Schuld, warf ihm vor, dass es Komplize der Diktatur sei, aber mit der Zeit verstand ich, dass es die einzige Möglichkeit war, zu überleben.

Wie kamen Sie in Venezuela an Informationen?

Während der gesamten Zeit war ich eingeschränkt bei Recherchen. In Venezuela erhalten Journalist*innen keine öffentlichen Informationen von der Regierung, von Banken oder Organisationen. Ich habe immer versucht, offizielle Dokumente zu erhalten, aber der Staat erschwerte das Informieren und Berichten. Ich interviewte Juan Guaidó, zwei Tage bevor er sich zum Interimspräsidenten erklärte. Mehrere Male fragte ich um ein Interview mit Maduro an, erhielt aber nie eine Antwort. Nur staatsnahe und internationale Journalist*innen erhalten die Möglichkeit zu einem Interview mit ihm. So auch der mexikanische Journalist Jorge Ramos, der kritische Fragen stellte, woraufhin ihm das Material abgenommen und er mehrere Stunden festgehalten wurde. Danach hatte ich Angst, mit Maduro zu reden, aber ich hätte es trotzdem getan.

Welche Rolle spielen digitale Medien in Venezuela?

Bis 2014 war das Arbeitsfeld von Journalist*innen ausschließlich auf die traditionellen Medien beschränkt. Cardena Capriles, eine Medienfirma, bei der ich zu dieser Zeit arbeitete, wurde von einem staatsnahen Investor aufgekauft. Das Gleiche passierte mit fast allen einflussreichen, kritischen Medien. Papier wurde knapp, und die wenigen Zeitungen, die es sich leisten konnten zu drucken, waren zensiert. Das war der Zeitpunkt, an dem wir Journalist*innen anfingen, auf digitale Medien auszuweichen, wo wir kritisch berichten konnten, ohne bedroht zu werden. Nach zwei Jahren bemerkte Maduro, dass sich die Bevölkerung zunehmend über das Internet informierte, und ergriff neue Maßnahmen der Zensur. In diesem Zeitraum fing er auch an, ausländische Fernsehsender zu verbieten, unter ihnen die Deutsche Welle.

Gab es einen Schlüsselmoment in Ihrer Laufbahn als Journalistin?

Im Jahr 2017 protestierten Student*innen vier Monate gegen das Regime Maduros. In diesem Zeitraum wurden über 150 Menschen, fast alle unter 30 Jahre alt, getötet. In dem Gebäude, wo ich lebte, wohnten viele der Pro­test­teilnehmer*innen.

„Wenn ich nachts die Augen schloss, konnte ich lang noch die Schreie und Detona­tionen hören“

Am 13. Juni 2017 wurde das Gebäude von Streitkräften Maduros eingenommen. Zu dem Zeitpunkt arbeitete ich beim Verlag Bloque de Armas und konnte vom Fenster aus sehen, wie die Polizei die Wohnungen stürmte. Die Polizei nahm ohne Beweise 12- bis 19-Jährige fest. Meine damals 15-jährige Tochter war allein in der Wohnung und rief mich weinend an. Ich fuhr hin und startete eine Liveübertragung.

Die Polizei bemerkte das und bedrohte mich. Sie wollten mich ins Gefängnis bringen, weil ich über die Situation berichtete. Ich fand Zuflucht in einer katholischen Schule in der Nähe. In dem Moment wusste ich nichts von meiner minderjährigen Tochter, die allein war. Ich tat das, was ich in der Situation tun musste, meiner Pflicht als Journalistin nachzukommen und zu berichten. Dieser Moment war sehr traumatisch und mischte mein Leben als Bürgerin mit der Verpflichtung meines Berufes. Wenn ich nachts die Augen schloss, konnte ich lang noch die Schreie und Detona­tionen hören.

Ist es möglich, über solche Fälle objektiv zu berichten?

Chávez

Hugo Chávez (Staatspräsident von 1999–2013) ließ 2005 per Gesetz verfügen, dass der Rundfunk der Regierung Sendezeit für Propaganda zur Verfügung stellen muss.

Maduro

Auch unter Nicolás Maduro, Chávez’ Nachfolger, kommt es zu Einschränkungen. Über ein Gesetz gegen „Hassbotschaften im Netz“ erschwerte Maduro Kritik an der Regierung. Die gegenwärtige Regierungskrise verschärft die Lage von Journalist*innen weiter. Immer wieder kommt es zu fragwürdigen Festnahmen. Zeitweise saß auch ein Reporter eines deutschen rechten Mediums im Gefängnis. Venezuela ist auf Platz 148 von 180 auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen.

In der Universität wurde immer versucht, Objektivität und Unparteilichkeit des Journalismus zu lehren, aber wenn man diese Erfahrungen in der ersten Reihe miterlebt, ist es nicht mehr möglich, Objektivität zu wahren. Das, was man dann suchen muss, ist die Wahrheit. Als Journalistin versuche ich nicht, objektiv oder unparteiisch zu sein, sondern ich versuche das zu reflektieren, was wahrhaftig passiert. Dazu gehört es, alle Seiten einer Geschichte zu zeigen.

Halten Sie es für möglich, als Venezolanerin über Venezuela zu berichten, ohne sich dem Maduro- oder Guaidó-Lager zuzurechnen? Kann man sich dieser Spaltung entziehen?

Als Journalistin strebe ich es nicht an, mich auf die Seite einer Machtgruppe zu schlagen, sondern ich will die Per­spektive der Verletzlichen zeigen. Das sind die Millionen Venezolaner*innen im Exil oder noch in Venezuela, die leiden. Ich sehe meine Rolle als Übersetzerin und berichte von aktuellen Ereignissen. Wenn Guaidó oder Maduro etwas sagt, muss es in einen Kontext gestellt werden, weil jede Aussage eine Vorgeschichte besitzt. Meine Aufgabe ist es nicht zu sagen, wer lügt, aber indem ich alles in einen Kontext stelle, können sich die Menschen ihr Bild machen.

Wie arbeiteten Sie zuletzt in Venezuela, ehe Sie das Land verließen?

Da viele Medienfirmen und -häuser ihre Stellen reduzierten, verlor auch ich Ende 2018 meinen Job. In den ersten Monaten dieses Jahres berichtete ich aktiv von der Straße aus. Ich interviewte Bürger*innen und Po­­li­ti­ker*innen und berichtete über alle Demonstrationen, die es ab Januar in Caracas gab, bis ich das Land verließ. Am 23. Februar reiste ich in die kolumbianische Grenzstadt Cúcuta. An dem Tag sollten mehrere Lkws Hilfsgüter einführen. Ich war gezwungen, von der kolumbianischen Seite aus zu berichten. Alle Journalist*innen, die sich auf der venezolanischen Seite befanden, wurden festgenommen.

Wie hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie in Chile sind?

Ich hatte großes Glück, weil ich ein Visum von der chilenischen Regierung bekommen habe. Damit habe ich große Vorteile, kann ein Bankkonto eröffnen und erhalte einen chilenischen Ausweis. Das Erste, was ich in Chile getan habe, war, ­Zeitungen zu kaufen. In Venezuela zirkulieren nur noch ein oder zwei, aber zensiert und mit gerade mal acht Seiten. Ich kann endlich wieder das Fernsehen benutzen. Ich hatte es mir abgewöhnt, den Fernseher in Venezuela einzuschalten, weil die Kanäle nicht mehr informierten. Ich merke, wie sehr ich noch an alten Gewohnheiten hänge.

In diesem Moment bin ich immer noch sehr eng mit Venezuela verbunden. Ich führe weiterhin Interviews mit Poli­ti­ker*innen und Menschen, die in Venezuela geblieben sind. Ich habe mich so daran gewöhnt, immer mit Angst zu berichten, alles zu hinterfragen und zu ­reflektieren, und nun kann ich das erste Mal seit Jahren frei berichten.

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