Journalisten nutzen Big Data: Die Datenschürfer

Mithilfe von IT-Experten lassen sich auch in den klassischen Medien neue Geschichten erzählen. Ein Projekt kommt vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR).

Die Daten sind da, sie müssen nur erst gefunden und für eine Geschichte neu sortiert werden. Bild: imago/alimdi

Manchmal, erzählt Marco Maas, kämen sogar Mitarbeiter deutscher Behörden zu ihm. Sie interessierten sich durchaus für einen offenen Umgang mit Daten und würden sich gerne dem Klischee widersetzen, hiesige Ämter seien durchsetzt von vielen kleinen Geheimnisträgern.

„Aber da klaffen dann private und berufliche Interessen auseinander“, sagt Maas. „Den Ämtern fehlt oft noch der Auftrag, Daten zu publizieren.“ Zur Verzweiflung treibt ihn das aber nicht. Sein eigenes Geschäft brummt auch so.

Maas ist Datenjournalist. Er arbeitet in einem Segment, das die Schnittstelle zwischen klassischen Berichterstattern, Grafikern und Computerexperten bildet. Journalisten wie Maas haben es auf Rohmaterial statistischer Ämter abgesehen – einerseits.

Andererseits schürfen sie Datenschätze auch in den Weiten des Internets. Soziale Netzwerke wie Facebook oder auch Xing, eine Art Laufsteg für Karriereversessene, sind für Maas so etwas wie das Paradies. Nutzer füttern sie oft erstaunlich freizügig mit vielen Details aus ihrem Leben.

Und Journalisten wie Maas langen gerne zu: Das frische Material bietet ihnen – oder Journalistenkollegen in den Redaktionen, denen sie zuarbeiten – die Chance, neue Geschichten zu erzählen.

Was machen die mit meinen Daten? Die Titelgeschichte „Wir wissen, was du morgen tun wirst“ lesen Sie in der taz.am wochenende vom 6./7. Juli 2013. Darin außerdem: Im Dschungel Ecuadors wehrt sich ein Dorf gegen die Begierden der Erdölindustrie. Und der Streit der Woche zur Frage: Darf man öffentlich knutschen? Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Bisschen belächelt

Der 35-jährige Maas ist eher zufällig zu seinem Beruf gekommen. Mitte der Neunziger schrieb er für den Ostholsteiner Anzeiger in Euthin, zwischen Kiel und Lübeck. „Ich komme aus dem Lokaljournalismus, wie sich das gehört“, sagt Maas, der anschließend, 1999, einer der ersten fünf Online-Redakteure des NDR wurde – zu einer Zeit also, in der solche Abteilungen noch gerne als Übergangsphänomen abgetan wurden.

Die Belächelten konnten sich damals aber eben auch verwirklichen – mit technischen Spielereien, wie dem Herumbasteln an Webseiten.

Am Ende ist es für Maas dabei geblieben: Technik plus Journalismus. Maas ist einer der Gründer von OpenDataCity aus Hamburg, einer Agentur für dieses Feld. In den vergangenen Monaten hat er mit seinen Kollegen vor allem dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) unter die Arme gegriffen. Dort gingen eine Handvoll Journalisten zunächst allein der Frage nach, wie es um die Bildungspolitik im Sendegebiet – Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen – bestellt ist.

Georg Schmolz, Leiter der Rechercheredaktion des MDR, kam schließlich auf die Idee, sich nicht mit vorgekauten Studien zufrieden zu geben. In der kommenden Woche wird er die exklusiven Ergebnisse präsentieren – er hofft auf viel Aufmerksamkeit, vor allem im Osten.

Am Anfang steht das Sammeln

„Wir haben erst einmal wie die Eichhörnchen Daten gesammelt“, berichtet Schmolz. Statistische Landesämter, Ministerien, Universitäten – sie alle lieferten Datensätze. Allerdings: „Darunter waren auch ganz viele Daten, die wir gar nicht gebraucht haben“, sagt Maas. Die Folge: Das Bild sei immer diffuser, immer verwirrender geworden. Die MDR-Journalisten verloren sich im Datendickicht.

„Wenn man Hilfe braucht, dann sollte man sich doch nicht schämen, diese Hilfe auch in Anspruch zu nehmen“, sagt Schmolz. Und so kamen Maas und seine Kollegen von OpenDataCity ins Spiel.

Viele Antworten fanden sich bei den Behörden der Länder. Etwa auf die Frage, wie viel Geld pro Student wirklich in das Hochschulsystem gepumpt wird – in Sachsen-Anhalt, so das Rechercheergebnis, beispielsweise deutlich weniger als offiziell ausgewiesen.

Andere Daten gehen bis auf die Landkreisebene herab. Auf der Webseite des Senders können die Nutzer von der kommenden Woche an selbst anhand von interaktiven Grafiken sehen, wie stark – über zwölf Jahre hinweg – das Gefälle zwischen Stadt und Land ist, wenn es um den Anteil der Abiturienten an den Schulabgängern geht.

Leben in die Zahlen bringen

„Die Ergebnisse, die wir haben, sind zunächst einmal reine Zahlen. Die leben noch nicht“, sagt Recherchechef Schmolz, für den der Umgang mit so vielen Zahlenkolonnen Neuland war. „Wenn man das Zahlenmaterial erst einmal hat, dann entstehen die eigentlichen journalistischen Fragestellungen: Was ist da passiert, warum ist das so?“

Für den MDR heißt das konkret: Der Sender fährt nun eine ganze Woche lang einen Schwerpunkt zur Bildung im Sendegebiet – die Rechercheergebnisse von Schmolz, Maas und ihren Kollegen sollen nun Beiträge im MDR-Fernsehen und -Rundfunk sowie das Onlineangebot des Senders unterfüttern. Gut möglich, dass die Bildungspolitik Mitteldeutschlands noch nie derart tiefgründig und fundiert von Journalisten unter die Lupe genommen wurde.

Die üppigen Datenbanken der Ämter gaben bei den Recherchen allerdings selbst für Maas und seine Kollegen nicht immer etwas her. Was machen die Hochschulabsolventen der drei Ost-Länder heute – sind sie geblieben oder geflüchtet? „Hier fangen die Universitäten gerade selbst erst an, Alumni-Programme aufzubauen“, sagt Schmolz. Die etablierten MDR-Journalisten standen vor einem schier unlösbaren Problem – und das Team um Maas lief zu Höchstform auf.

Ein selbstgebastelter Scraper

„Wir haben uns Daten bei Xing gezogen“, sagt er. „Dort stellen ja viele Nutzer ihre Lebensläufe frei ins Netz, öffentlich zugänglich.“ Die Datenjournalisten bastelten sich einen sogenannten Scraper, eine Suchabfrage, die ihre Ergebnisse in einer Datenbank ablegt. Die eigens programmierte Maschine wühlte sich durch die Profile, erfasste in den hinterlegten Lebensläufen Stationen, beispielsweise an den Universitäten Leipzig, Jena und Erfurt, und hielt auch fest, wo die Absolventen anschließend aktiv wurden.

Die Ergebnisse hält der MDR bis nächste Woche noch unter Verschluss. Der eigentliche Gewinn aber ist für den Sender, sich vergleichsweise früh der noch jungen Methode geöffnet zu haben. „Wir sind heute in der Lage, in kürzester Zeit Daten zu analysieren“, sagt Schmolz. Der Leipziger Sender, sonst unter Journalisten mitunter kaum wahrgenommen, nimmt in der ARD damit eine Vorreiterrolle ein.

Unterdessen steckt der Datenjournalismus noch immer in den Kinderschuhen. Die Nachrichtenagentur dpa hat einst die Chance vertan, hier den Ton anzugeben – und das Team des Experiments „RegioData“ inzwischen weitestgehend aufgelöst. Die Projektmitarbeiter ernten nun Daten unter anderem für den Spiegel und die Welt-Gruppe, sind dort aber meist Einzelkämpfer. Die meisten Redaktionen haben keine Erfahrung mit Datenjournalismus.

Vierstellige Honorare – pro Tag

Ein Kunde ist die Süddeutsche Zeitung, für die das Team um Maas den Zugmonitor entwickelt hat, der Verspätungen der Bahn analysiert. Üblicherweise kostet die Buchung einer Agentur wie OpenDataCity eine vierstellige Summe – pro Tag und je nach Aufwand. Eine Preisspanne, von der die Hamburger Datenjournalisten aber auch schon mal Abstand genommen haben, um Low-Budget-Projekte quasi zum Selbstkostenpreis zu unterstützen.

„Redaktionen unterschätzen oft, wie aufwändig solche Projekte sind und damit auch: wie teuer“, sagt Maas. Seine Kunden kämen deshalb auch nicht mehr allein aus dem Journalismus. Immer wichtiger würden wiederum Organisationen, Stiftungen und Verbände.

„Auch Parteien fragen inzwischen nach.“ Redaktionen geben so Themen aus der Hand. Für einen Journalismus, der gewillt ist, in die eigene Zukunft zu investieren, spricht das gewiss nicht.

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