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Jeder Text ein Balkon

Von Marie Luise Knott

Kennen Sie Ilse Aichingers „Zweifel an Balkonen“? Die Geschichte geht mir nicht aus dem Sinn, seit ich sie das erste Mal las. Nicht dass Aichinger uns etwas sagen oder gar etwas erzählen wollte, nein: Ihre Texte gehen nie auf und ringen, abgründig wie sie sind, mit den Rätseln der menschlichen Existenz.

Die „Zweifel“-Geschichte jedenfalls handelt, wenn sie überhaupt von etwas handelt, vom Unterschied zwischen Heimatbalkonen und Auslandsbalkonen, einem Unterschied, den jeder kennt, der je in der Fremde auf einem Balkon gestanden ist. Doch je länger ich mich mit Aichingers „Zweifeln“ von Balkon zu Balkon hangele, die rettenden Balkonzimmer immer im Augenwinkel, desto mehr dämmert mir, was subkutan in dieser Geschichte vom ersten Moment an mitschwingt, dass nämlich Heimatbalkone von woanders aus gesehen Ausländerbalkone sind. Was im Ergebnis bedeutet, dass Heimatbalkone in Wirklichkeit möglicherweise nur mir und vielleicht nicht einmal mir heimisch sind. Wie eine Versicherung im fragilen Dasein schwebt in Aichingers Zweifelgeschichte eine Schrift am Himmel über den Heimatbalkonen, xaire steht da, was ausländisch ist und wohl so viel wie „Sei gegrüßt“ bedeutet. Windgeschützt seien die Heimatbalkone, liest man weiter, und voller Gegenstände der Erinnerung: „Halma, Tee, Hausaufgaben und Soldatenmützen“. Aichingers „Zweifel“ verrücken die für sicher gehaltene Welt.

Ähnlich geht es mir immer bei der Lektüre von Le Monde diplomatique. Jeder Text ist ein Austritt, mit jedem betrete ich ein anderes Wissensgebiet, andere Lebens-, Denk- und Sprechweisen.

Momentan scheinen uns selbst die Heimatbalkone immer unbegehbarer; der Windschutz fehlt, doch die Austritte wollen getätigt werden. Vielleicht, dachte ich plötzlich, bräuchte es Musik in der Zeitung, denn Gesang hält die Sinne zusammen, stärkt Körper und Stand. LMd könnte zum Beispiel einen QR-Code einführen, mit dem wir Leserinnen und Leser die jeweiligen Text-Balkone gesangsgefestigt betreten. Wie wäre es zum Beispiel mit „Who No Know Go Know“ des nigerianischen Musikers Fela Kuti?

Marie Luise Knott lebt als Autorin, Übersetzerin und Kritikerin in Berlin. Von 1995 bis 2006 leitete sie die deutschsprachige LMd.

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