Israel untersagt Ausreise

Keine Feier für "Atomspion" Vanunu

Der "Atomspion" Vanunu darf nicht reisen, um die Carl-von-Ossietzky-Medaille entgegenzunehmen. Er hatte das Geheimnis um die israelische Atomanlage Dimona gelüftet.

Der israelische "Atom-Whistleblower" Vanunu am Haupttor des Shikma-Gefängnisses. Bild: ap

JERUSALEM taz | Der israelische "Atomspion" Mordechai Vanunu darf nicht nach Berlin reisen, um dort einen Preis entgegenzunehmen. 24 Jahre ist es her, dass die spektakulären Bilder der Verhaftung Vanunus durch die internationalen Medien gingen. "Ich bin entführt worden", hatte er auf seine Handfläche geschrieben und sie an die Fensterscheibe des von Mossad-Agenten gelenkten Autos gehalten. Das Urteil lautete auf 18 Jahre Einzelhaft, die er bis zum letzten Tag absaß. Im April 2004 verließ er die Haftanstalt.

Ein freier Mann ist Vanunu bis heute nicht. Am kommenden Sonntag sollte er mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille ausgezeichnet werden, doch das israelische Innenministerium verweigert ihm die Reise nach Berlin. Die Liga für Menschenrechte, die die Auszeichnung verleiht, erwägt die für Sonntag geplante Zeremonie abzusagen und stattdessen eine Protestveranstaltung abzuhalten.

Mit der Verweigerung der Ausreise für Vanunu "reiht sich Israel ein in die Liste der wenig ruhmreichen Staaten, die ihren Dissidenten verwehren, Preise für ihre heldenhaften Taten entgegenzunehmen", bedauerte Vanunus Anwalt Michael Sfard am Donnerstag am Telefon. Sfard zeigte sich "als Israeli traurig und beschämt". Genauso habe Polen den Solidarnosc-Vorsitzenden und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa behandelt und "genauso behandelt China die Regimegegner im eigenen Land".

Der heute 56-Jährige konvertierte Christ Vanunu hatte während einer Urlaubsreise in Australien versucht, Fotos aus der israelischen Atomanlage in Dimona zu veröffentlichen. Robert Maxwell, Verleger des Daily Mirror, an den er die Bilder verkaufen wollte, leitete die Fotos umgehend an Israel weiter und alarmierte damit den Mossad. Mit Hilfe der blonden Agentin "Cindy" köderte der Geheimdienst den jungen Mann und lockte ihn nach Rom, wo er festgenommen wurde. Die Londoner Sunday Times druckte wenige Tage nach seiner Entführung die Fotos und lüftete damit das Geheimnis der Atommacht Israel.

Mit 18 Jahren vollzogener Einzelhaft ist Vanunu der israelische Häftling, der die längste Zeit in Isolation verbrachte. Erst diese Woche lehnte der Oberste Gerichtshof in Jerusalem den Antrag von Igal Amir ab, in den normalen Strafvollzug verlegt zu werden. Der Mörder des damaligen Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin sitzt seit 15 Jahren allein in seiner Zelle.

Vanunus Entlassung aus der Haft war an ungewöhnliche Auflagen gebunden. So darf er nicht aus Israel ausreisen, muss die Polizei regelmäßig über Ortswechsel informieren, und er darf sich keiner der ausländischen Botschaften nähern oder auch nur Kontakt zu Korrespondenten aufnehmen. Daran hält sich der Atomspion, der heute in Tel Aviv lebt, nicht immer, was zu erneuten Festnahmen und sogar Haftstrafen führte. Mit der Begründung, er stelle unverändert ein Sicherheitsrisiko für den Staat dar, darf Vanunun zudem weder das Internet nutzen noch ein Handy besitzen. "Eine solche, sich seit 2004 hinziehende Staffelstrafe verstößt gegen die universellen Menschenrechte", schreibt die "Liga" in einer Pressemitteilung.

Die Auszeichnung sei eine Anerkennung des Engagements von Vanunu, der sich dem Ziel verschrieben hat, "die Welt von der Bedrohung durch Kernwaffen zu befreien". Vor zwei Jahren war eine gemeinsame israelisch-palästinensische Kampagne mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille ausgezeichnet worden. Damals teilten sich die "Anarchisten gegen die Mauer" und das "Volkskomitee von Bilin" die Auszeichnung für ihren gewaltfreien Protest gegen Landenteignung und Trennanlagen.

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