piwik no script img

Eine enorme Produktion von Schein

Alle wollten in die Höhle des Tigers: Ein Exemplar liegt in Jeffrey Epsteins Wohnung in Manhattan, 2025 Foto: U.S. Justice Department/reuters

Die neueste Veröffentlichung aus den sogenannten Epstein-Files erstaunen nicht nur durch eine schier unglaubliche Menge an Dokumenten. Mehr als 3 Millionen Justizakte. Sie zeigen auch, dass das „System Epstein“ nicht nur aus einem, sondern aus zwei Netzwerken bestand. Auch wenn diese – so die Mutmaßung – vielfältig verwoben waren.

Das eine war der Mädchenhändler-Ring, der junge, oft minderjährige Mädchen älteren Männern zugeführt hat. Das andere waren Epsteins „geschäftliche“ Verbindungen. Diese weisen eine beeindruckende Reichweite auf. Was nun mit jedem Tag zu neuen Enthüllungen, Kompromittierungen und Rücktritten führt: Topdiplomaten, Politiker, europäischer Hochadel. Von Norwegen bis Frankreich. Bis hin zu Verhaftungen in Großbritannien – ein Ex-Prinz und ein Ex-Minister.

Verschwörungstheoretiker sehen sich bestätigt in ihrer Vorstellung von den Eliten. Tatsächlich offenbart sich ein Abgrund – aber nicht einer von dunklen Mächten mit bösen Plänen. Der Abgrund ist vielmehr die Logik, nach der diese Elitenwelt funktioniert. Diese Funktionsweise beruht auf dem Konzept des „Netzwerks“. Es lohnt sich, dieses über den aktuellen Fall hinaus zu betrachten. Denn Netzwerk, netzwerken gilt ja als Verheißung. Jenseits von Hierarchien, Organisationen, Abschlüssen, objektiven Verfahren gilt die persönliche Verbindung als Schlüssel. Zum Erfolg. Zum Aufstieg. Jenseits aller Vorstellung einer Leistungsgesellschaft oder einer Meritokratie. Mehr noch: Netzwerke sind unsere Vorstellung von Gesellschaft. Das „System Epstein“ führt vor, was das bedeutet. Und wie es funktioniert. Seine zweiten, nunmehr publik gewordenen „geschäftlichen“ Verflechtungen liefern eine Antwort auf jene Frage, die derzeit allerorts gestellt wird: Wie konnte es ein Studienabbrecher aus der Arbeiterschicht an die Spitze der US-Finanzwelt und Gesellschaft schaffen? Was war sein Geheimnis?

Epsteins zentrales Kapital waren seine Kontakte. Kontakte bringen weitere Kontakte. Ein Schneeballsystem. Einerseits. Und ein Kartenhaus andererseits. Ein Kartenhaus, denn es funktioniert darüber, Eindruck zu erzeugen. Durch prominente Kontakte. Diese werden publik gemacht, ausgestellt (Epsteins Haus war voller Belegfotos), um andere Prominente zu beeindrucken. Durch Abendgesellschaften, wo Wissenschaftler, Stars und Mächtige sich gegenseitig bestätigen, an wichtiger Stelle, am richtigen Ort, bei der wildesten Party zu sein. Eine Darstellung von Reichtum und Macht, an der jeder Teilnehmende mitgewirkt hat. Bei der jeder Mitwirkender und Publikum zugleich ist. Kurzum – das Netzwerk funktioniert als eine enorme Produktion von Schein.

Dazu bedarf es nur eines talentierten Blenders. Dessen Gabe darin besteht, scheinbar mühelos einflussreiche Leute an sich zu ziehen, sie einzufangen. Udo Proksch, die österreichische Westentaschenausgabe eines solchen Blenders (der vor Jahren einen großen Teil der Politikerklasse bezauberte – bis er ins Kriminelle kippte), erklärte das so: Ich verschaffe ihnen, was sie nicht haben. Den Eindruck von Glamour, von aufregendem Leben. Bei Thomas Mann kann man nachlesen, wie die Begabung des Hochstaplers zu bezaubern punktgenau dem Bedürfnis seines „Publikums“ nach Illusion und Verführung entspricht.

Sogar der Papst war mit in Epsteins „Promi-Sammlung“ Foto: U.S. Justice Department/reuters

Das Netzwerk entsteht dann durch wechselseitige Gefälligkeiten. Durch Geben und Nehmen. So spinnt es sich immer weiter. Denn Netz bedeutet Verstrickung. Eingebunden ist man durch Intrigen, durch krumme Geschäfte, durch die Weitergabe von Insiderwissen (und da ist vom Mädchenhandel noch nicht einmal die Rede). So wird deutlich: Verstrickung heißt auch – nicht entkommen.

Foto: Daniel Novotny

Nun ist der Schleier des gesellschaftlichen Scheins gefallen und das Netzwerk tritt in seiner nackten Funktion hervor. Damit hat sich dieses verkehrt: Aus einer Verheißung ist es toxisch geworden. Nun ist jeder, der damit in Berührung kam, mit einem Bann belegt. Jeder, der mit dem System Epstein in Kontakt stand – und es damit am Laufen hielt, ist nun stigmatisiert. Und das hat einen Rücktrittsreigen zur Folge.

Isolde Charim ist Publizistin in Wien.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen