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Iranerinnen dürfen ins StadionSymbolpolitik und Errungenschaft

Alina Schwermer

Kommentar von

Alina Schwermer

Dass Iranerinnen nun zu einem Ligaspiel durften, sollte niemand überbewerten. Dennoch ist es ein echter Sieg, den sie über Bande holten.

Frauen und Fußball im Iran: Bald nicht nur als Spielerin im Park sondern auch als Zuschauerin im Stadion? Foto: Morteza Nikoubazl/NurPhoto/imago

N ach über 40 Jahren ist die derzeit berühmteste Barrikade des Frauenhasses im Fußball endlich gefallen. Jedenfalls vorläufig und punktuell. Frauen durften im Iran am Donnerstagabend erstmals wieder zu einem Männerfußball-Ligaspiel ins Stadion gehen. Womöglich werde der Versuch ausgeweitet, versprach vage das Sportministerium. Der Topklub Esteghlal Teheran („die Unabhängigkeit“) im Asadi-Stadion („die Freiheit“) – welche Ironie für die Frauen.

Denn natürlich schauen sie nicht als gleichwertige Fans zu, sondern in einem abgetrennten Bereich als schützenswerte Kreaturen. Ihr Zutritt ist symbolisch enorm wichtig und darf zugleich nicht überbewertet werden. Die iranische Führung versteht sich gut darauf, mit ein wenig Symbolpolitik abzuwiegeln, während sich an der Unterdrückung von Frauen in der Gesellschaft nichts ändert. Ob der Stadionbesuch ein dauerhaftes Recht wird, ist zudem längst nicht gesagt. Auch zu den offiziell erlaubten Länderspielen wurde Frauen noch dieses Jahr der Eintritt willkürlich verweigert.

Ein Sieg über Bande

Dennoch ist dieser Donnerstagabend ein Sieg über Bande für die Iranerinnen: Iranische Aktivistinnen kämpften über Jahre und erstritten damit die Aufmerksamkeit der Zivilgesellschaft im Ausland, die den Druck wiederum an die Fifa weiterreichte. Die stand als Monopolist unter Zugzwang. Nun muss der Druck hoch bleiben, um aus einem Einzelfall ein Recht zu machen.

Zuletzt wurde in der taz laut über den Blick „des Westens“ auf iranische Frauen gestritten. Tatsächlich ist der auch im Fußball oft kolonial naiv: orientiert an Greifbarem wie Zutritt zu Stadien und mit einem plakativen Weltbild vom vermeintlich freien Westen gegen die Autokratie. Man muss nur die kläglichen Zuschauerzahlen im deutschen Frauenfußball oder die Frauenanteile in Stadien weltweit betrachten, um zu verstehen, wie mächtig das Patriarchat überall wirkt. Freiheit von Teilhabeverboten macht Menschen weder frei noch gleich. Und doch kann nur diese Freiheit zur Gleichheit verhelfen. Für weibliche Fans bedeutet dieser Stadionbesuch die Welt. Wer will ihnen absprechen, etwas Großes errungen zu haben?

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Alina Schwermer
freie Autorin
Jahrgang 1991, studierte Journalismus und Geschichte in Dortmund, Bochum und Sankt Petersburg. Schreibt für die taz seit 2015 vor allem über politische und gesellschaftliche Sportthemen und übers Reisen. Autorin mehrerer Bücher, zuletzt "Futopia - Ideen für eine bessere Fußballwelt" (2022), das auf der Shortlist zum Fußballbuch des Jahres stand.
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