: Iran: Angriff im Nordirak
■ Tausende von Kurden geflüchtet
Berlin (taz) – Gestern früh haben iranische Truppen mehrere Dörfer südlich der Provinzhauptstadt Suleymania in der irakisch- kurdischen Region Qaradagh mit Raketen beschossen. Dies berichteten Mitarbeiter von medico international, die dort in Rahmen eines umfassenden Wideraufbauprogramms mit den Dorfbewohnern zusammenarbeiten. Gleichzeitig marschierten iranische Truppen in der Region Chwarta ein, ebenfalls südlich von Suleymania, und sprengten die Schule des Dorfes Kanaweh. Bei den anschließenden Kämpfen mit irakisch-kurdischen Truppen wurden vier Dorfbewohner getötet. Die kurdischen Soldaten konnten vier iranische Soldaten gefangennehmen, berichtete medico. Die iranischen Revolutionswächter, sogenannte Pasderan, die in Irakisch-Kurdistan ein Büro unterhalten, hätten mit weiteren Angriffen gedroht.
Das betroffene Gebiet Qaradagh war 1988 einer der Schauplätze der irakischen Massenvernichtungsaktion Anfal, bei der nach dem Einsatz chemischer Waffen Zehntausende von Kurden in die südirakische Wüste verschleppt und dort getötet wurden. Die Dörfer der Region wurden damals völlig zerstört. Erst 1992 wurde das Gebiet wieder besiedelt.
Angriffe iranischer Truppen auf Wohngebiete in Irakisch-Kurdistan waren in den letzten Monaten häufig. Gerade in den Grenzdörfern bemühen sich die UNO und internationale Hilfsorganisationen wie medico um den Wiederaufbau. Die Angriffe führten nach Angaben von medico allein in der letzten Woche zur erneuten Flucht von rund zehntausend Menschen. Der gestrige Angriff auf Qaradagh richtete sich zum ersten Mal auf weniger grenznahe Gebiete und zudem auf eine Region, die in unmittelbarer Nähe der Großstadt Suleymania liegt. Nach Gesprächen mit Mitgliedern der irakisch- kurdischen Regierung äußerten Mitarbeiter von medico die Befürchtung, daß sich die iranischen Angriffe zu einer größeren Offensive ausweiten könnten. Eine kurdische Autonomie im Nordirak stößt nicht nur in Bagdad, sondern auch in Teheran auf entschiedene Ablehnung. N.C.
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