Interview mit Musikkabarettist

„Kirchentag ist Ausnahmezustand“

Bodo Wartke kritisiert in seinen Liedern religiösen Fanatismus und geht nicht regelmäßig in die Kirche. Auf Kirchentage dafür umso lieber.

or Beginn des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentages gehen Passanten in der Dortmunder Fußgängerzone an einer Luther symbolisierenden Pappfigur vorbei, auf der „Luthers Ratschläge gegen die Juden hat Hitler genau ausgeführt“ steht

Auf dem Kirchentag werden die großen Fragen unserer Zeit verhandelt, sagt der Musiker Foto: dpa

taz: Herr Wartke, Sie schreiben religionskritische Lieder und treten wiederholt beim Deutschen Evangelischen Kirchentag auf. Ist das ein Widerspruch?

Bodo Wartke: Nein, denn auf dem Kirchentag wird nicht die Religion abgefeiert, wie sie schon vor 2.000 Jahren war, nach dem Motto: Was damals gut war, kann heute ja nicht schlecht sein, sondern es wird sich akut mit den Problemen der Welt auseinandergesetzt: Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Umweltschutz. Auf der Höhe der Zeit wird diskutiert. Es finden Podiumsdiskussionen statt, und das ist keine weltfremde, entrückte Veranstaltung, ganz im Gegenteil.

Das erste Mal sind Sie 2011 beim Kirchentag in Dresden aufgetreten. Wie ist das Publikum dort?

Seit ich das erlebt habe, möchte ich da auch gerne immer wieder auftreten, weil mir das sehr positiv vor Augen geführt hat, was Christentum eben auch sein kann. Die Leute dort gehen sehr achtsam miteinander um. Das war ein positiver Ausnahmezustand.

Inwiefern?

Jahrgang 1977, ist seit über 20 Jahren Klavierkabarettist. Beim Kirchentag in Dortmund tritt er am Donnerstag, 20. Juni, gemeinsam mit befreundeten Künstler*innen auf.

Damals bei der Eröffnungsveranstaltung in Dresden war das Elbufer illuminiert in den Farben des Kirchentags und gesäumt mit Tausenden von Menschen. Auf der Elbe trieben etwa genauso viele Schiffchen mit Teelichtern herab – ein fantastisches Bild. Die wurden danach alle von freiwilligen Helferinnen und Helfern wieder eingesammelt, denn Umweltschutz wird dort großgeschrieben. Während man da mitten im Getümmel stand, passten die Leute auf, dass sie sich nicht anrempeln, lächelten sich an, gaben sich Feuer für ihre Kerzen, waren gut drauf. Normalerweise ist es ja so, dass wenn man in so einem Pulk von Leuten steht, es unangenehm ist: Menschen sind besoffen und latent-aggressiv. Das habe ich auf dem Kirchentag kein einziges Mal erlebt.

Auf dem Kirchentag 2017 haben Sie unter anderem Ihr religionskritisches Lied „Nicht in meinem Namen“ gespielt. Wie war die Reaktion des Publikums?

„Leute, die zum Kirchentag gehen, sind keine religiösen Fanatiker. Das sind die Guten“

Breite Zustimmung. Leute, die zum Kirchentag gehen, sind keine religiösen Fanatiker. Das sind die Guten, sag ich mal. Das sind nicht diejenigen, die die Religion für niedere Zwecke missbrauchen. Sondern Menschen, die versuchen, die Religion in Einklang zu bringen mit den Menschenrechten und mit einem friedlichen Zusammenleben. Ich glaube, ich werde da nicht als Nestbeschmutzer gesehen, sondern ich kritisiere in dem Lied Dinge, wo ein Großteil der Kirchentagsbesucher sagt: Ja, das sind Probleme, die wir angehen müssen. Ich denke, mit meiner Kunst kann ich da noch einen zusätzlichen Beitrag zum Diskurs liefern, weil sie Menschen anders erreicht als etwa eine Podiumsdiskussion. Weil die emotionale Komponente, gerade durch Musik, uns noch mal profunder berührt in unserem Menschsein. Nicht umsonst ist kritische Kunst in autoritären Regimen oft verboten.

Können Sie sich damit identifizieren, etwa durch den Mottosong, Sprachrohr für die evangelische Kirche zu sein?

Wenn ich mich damals damit nicht hätte in Einklang bringen können, hätte ich es nicht gemacht. Als ich gefragt wurde, den Mottosong für den Kirchentag 2011 zu schrei­ben, habe ich gesagt, dass sie einen Bodo-Wartke-Song bekommen. Das heißt: sehr textlastig. Es wurde damals kritisiert, dass man den nicht so gut mitsingen kann, aber mir ist Klarheit in all meinen Texten sehr wichtig. Ich habe versucht, das Kirchentagsmotto zu durchdringen. Das Bibelzitat war damals: „Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein.“ Das ist im Prinzip genau mein Motto, dem sich mein aktuelles Klavierkabarett „Was, wenn doch?“ widmet. Ich hatte als Schaffensmotto für mich selbst erkannt: Tu, was du tust, aus Liebe, tu es nicht aus Angst. Tu, was dich glücklich macht, dann machst du auch andere Menschen glücklich. Das sagte auch das Kirchentagsmotto aus. Aber ich mache mir ja ganz gerne einen eigenen Reim auf die Dinge

Welcher ist das in Bezug auf Glauben und Religion?

Für mich ist Kirche und Glauben das, was man daraus macht. Man kann was Gutes daraus machen, aber auch was Schlechtes. Es gibt vieles, was ich kritisch sehe im katholischen wie im evangelischen Glauben, aber da muss man ja nicht mitmachen. Gleichzeitig gibt es viele positive Dinge, die meinen Blick auf den Glauben gewandelt haben. Ich war lange ein passiver Christ. Getauft, konfirmiert, aber selten in der Kirche, eigentlich fast nie, weil ich es meistens nicht sehr unterhaltsam dort finde …

… auch nicht musikalisch?

Kirchentage unter evangelischen ChristInnen heißt: Ernst zu nehmen, was dort verhandelt, erörtert, begrübelt und was direkt zur Sprache gebracht wird.

In Dortmund stehen Themen wie Migration, Feminismus, Klima und Umwelt im Mittelpunkt. Typische taz-Themen also.

Deshalb begleiten wir den Kirchentag auch: vor Ort und mit vier täglichen Sonderseiten in der Zeitung. Die taz Panter Stiftung hat dafür 9 junge JournalistInnen ins Ruhrgebiet geschickt.

Nein. Die Songs rocken nicht so richtig und die Gemeinde schleppt beim Singen. Aber wie Religionsausführung auch sein kann, habe ich vor ein paar Jahren in Harlem in New York erlebt. Dort bin ich zufällig in einen Gospelgottesdienst in einer kleinen Gemeinde gekommen. Keine große Tourikirche, sondern eine für die Nachbarschaft. Die haben dort jeden willkommen geheißen. Ich wurde von der ganzen Gemeinde total freundlich begrüßt und dann fand eine vierstündige Show mit einer fantastischen Band statt und die Pastorin hat einfach locker davon gesprochen, wie man in dieser kapitalistischen Welt im Alltag besser miteinander umgehen sollte. Da hätte ich hinter jedes Wort einen Haken machen können. Die Leute haben sich dort gegenseitig getröstet, zugehört. Das war kurze Zeit nachdem meine Mutter gestorben ist. Da habe ich gedacht: In einer vermeintlich anonymen Metropole wie New York, wo man denken könnte, die Leute sind sich gegenseitig völlig egal und versuchen sich bestenfalls nicht auf den Sack zu gehen – da waren die Menschen plötzlich füreinander da. Das kann Glauben und Kirche auch sein, das hat mich begeistert.

In Ihrem Lied „Das Land, in dem ich leben will“ singen Sie: „Je mehr die Menschen wissen, desto weniger müssen sie glauben.“ Klingt nach klarer Abgrenzung zum Glaubensgrundsatz von Religionen?

Ich sehe es so: Wenn der Glaube dafür sorgt, dass Menschen gut miteinander umgehen, dann gerne. Es kann aber auch etwas anderes dafür sorgen, dass Menschen gut miteinander umgehen, es muss keine Religion sein. Das kann zum Beispiel die tiefe Überzeugung sein, dass die Erklärung der Menschenrechte eine gute Sache ist. Auch wenn es in dem Song so klingt: Für mich sind Glauben und Wissen kein Widerspruch. Im Idealfall schafft der Glauben für mich die Voraussetzung für Wissen. Etwa der Glaube daran, dass es anders geht, dass es eine Lösung gibt, die wir noch nicht kennen und nach der es sich lohnt, Ausschau zu halten. Schwierig finde ich die toxische, ignorante Form des Glaubens, die dogmatisch ist und Menschen abhängig macht, Gewalt ausübt. Das ist ein Missbrauch des Glaubens, den man leider in allen Religionen findet.

Welche Rolle spielt Religion und Glauben in Ihrem alltäglichen Leben?

Ich finde, man muss nicht in der Kirche sein, um christlichen Werten zu folgen. Ich saß neulich in Berlin am U-Bahn-Gleis und kam mit einem Obdachlosen ins Gespräch. Der erzählte mir, dass er neue Socken braucht, weil sein einziges Paar nass geworden ist und er dadurch wunde Füße bekommt. Das war kein auswendig gelernter Text, sondern ein zutiefst menschlicher Moment. Wir haben dann angefangen zu fachsimpeln, wo er in der Gegend am besten Socken herbekomme. Ich habe gefragt, wie viel Geld ihm noch fehle für neue Socken, und dann zückt der Mann, der neben mir saß, fünf Euro, gibt sie ihm und sagt: Hier, weil du mir so sympathisch bist. In der U-Bahn bin ich mit dem anderen Mann noch ins Gespräch gekommen. Das war ein schöner Moment zwischen uns dreien. Wir haben uns alle gegenseitig den Tag mit geringem Aufwand besser gemacht. Und es fing mit einfachem Zuhören an.

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