Interkultureller Garten in Lichtenberg: Oase zwischen Plattenbauten
Im Interkulturellen Garten in Alt-Hohenschönhausen wächst nicht nur Gemüse, sondern auch Gemeinschaft – von Alteingesessenen und gerade Zugezogenen.
Foto: Tina Eichner
Biegt man in Lichtenberg von der tosenden Landsberger Allee in eine unauffällige Seitenstraße, steht man plötzlich vor einer Oase in der Betonwüste – dem Interkulturellen Garten in Alt-Hohenschönhausen. Eine Frau wässert ihr Blumenbeet, drei Menschen klönen an einem Tisch, neugierig beäugt von einem Eichhörnchen. Mitglieder des ADFC schrauben an Fahrrädern. Herzstück des Gartens sind 60 Einzelbeete, jeweils 20 oder 40 Quadratmeter groß.
Hier steht Kavita aus Nepal: Die fröhliche Frau im weiß-blauen Sommerkleid lebt seit fast 26 Jahren in Hohenschönhausen und wohnt nebenan. Seit rund zehn Jahren bewirtschaftet sie ihr kleines Beet, auf dem sie Kartoffeln, Knoblauch, Bohnen und Kürbis, aber auch Blumen anbaut. „Ich bin sehr gerne hier. Das ist für mich mein Hobbygarten, aber auch ein sozialer Bereich. Ich kenne die Leute, man trifft sich und tauscht Infos aus, manchmal redet man auch über Privates“, erzählt sie lebhaft. „Ich liebe meinen Garten und den Zusammenhalt. Es geht hier um Gemeinsamkeit.“
Träger des Interkulturellen Gartens ist die SozDia Stiftung. Etwa 150 Menschen nutzen die Beete auf dem von hohen Wohnriegeln umgebene Gelände. Wer neu dazukommen will, um auch naturnah und ökologisch zu gärtnern, braucht viel Geduld: Alles ist verpachtet, die Warteliste lang.
Unsere Gesellschaft driftet auseinander. Aber das ist nur ein Teil der Wirklichkeit. Berlin ist voller Orte, an denen Menschen noch ins Gespräch kommen – beiläufig, ungeplant und oft überraschend. Räume des urbanen Zusammenlebens, offen, widersprüchlich und sozial durchlässig. Für unsere Sommerserie erkunden wir diese alltäglichen Kontaktzonen, in denen Menschen Verbindung und Verschiedenheit suchen, aushalten und verhandeln.
Alle Texte zur Serie sind hier auf taz.de versammelt.
„Die Menschen, die bei uns ihr Beet haben, kommen aus sehr unterschiedlichen Hintergründen, es ist eine sehr spannende Mischung“, berichtet Cornelia Ertl. Die junge Frau mit hochgesteckten Haaren und Tattoos an den Armen ist eine von vier Mitarbeiter*innen in Hohenschönhausen und arbeitet hier seit einem Jahr.
„Wir haben einige Gärtner*innen, die ihr ganzes Leben lang hier im Kiez verbracht haben“, so Ertl, „aber auch viele, die vor Jahrzehnten oder erst vor Kurzem nach Berlin gezogen sind. Und einige kommen aus der nahegelegenen Gemeinschaftsunterkunft.“ Das insgesamt 11.000 Quadratmeter große Gelände existiert bereits seit 20 Jahren und beherbergt neben den Beeten einen Spielplatz, eine Kita, eine Außenküche mit Lehmofen, Benjeshecken und eine kleine Brachfläche.
Ein offener Ort
„Wir sind kein Gemeinschaftsgarten in dem Sinne, dass alle alles zusammen bewirtschaften. Die Leute haben ihr individuelles Beet und trotzdem ist es etwas Gemeinschaftliches“, erklärt Ertl. Der Interkulturelle Garten sei zudem ein offener Ort für alle Menschen, denn das Team macht hier auch Nachbarschaftsarbeit. Flyer weisen auf zahlreiche Aktivitäten hin, die für alle offen sind: ein Sprach-Café für Frauen, offene Kinder- und Jugendarbeit, Backen im Grünen, eine Umweltwerkstatt und ein kostenloses „Kino für Alle“ an verschiedenen Standorten.
Als die taz den Gemeinschaftsgarten besucht, ist Kiez-Café: Etwa 20 Leute sitzen auf Stühlen vor dem kleinen Eingangsgebäude aus Holz. Kaffee und leckerer Kuchen stehen gegen Spende auf dem Tisch, Blumensamen zum Mitnehmen gibt es auch. Dahinter öffnet sich der Blick auf die vielen Beete und hohen Bäume. „Zum Kiez-Café kommen die Leute, die hier gärtnern, aber auch einfach Nachbar*innen, die sich bei einem Kaffee mit den Gärtner*innen austauschen“, berichtet Ertl.
Foto: Tina Eichner
Auf Bashir und Nadia trifft beides zu. Das junge Paar aus Afghanistan sitzt auf einer Bank, ihre beiden Töchter toben irgendwo herum. „Wir hatten hier früher ein kleines Beet“, erzählt Bashir, ein drahtiger Mann mit Bart. „Früher haben wir in Alt-Hohenschönhausen im Wohnheim gewohnt. Seit meine Ausbildung als Tischler angefangen hat, habe ich nicht mehr viel Zeit, aber wenn es geht, kommen wir jeden Donnerstag.“
Nadia, eine zurückhaltende, freundliche Frau mit akkurat gebundenem Kopftuch, ergänzt: „Ich war in Mutterzeit, jetzt suche ich nach einer Ausbildung als Pflegefachassistentin. Aber ohne Schulabschluss ist eine Ausbildung schwer zu finden.“ Deswegen kommt Nadia auch dienstags hierher – zum Sprach-Café für Frauen.
Den beiden gefällt an diesem Ort vor allem die Stimmung: „Die Leute sind alle sehr nett, man ist einfach willkommen“, sagt Bashir. „Es ist egal, dass hier Leute aus verschiedenen Ländern sind, wir sind trotzdem zusammen und reden, und wenn man Hilfe braucht, unterstützt man sich.“
Sieben Jahre Warten
Neben der Familie sitzt Katrin. Die gut gelaunte Frau mit rot gefärbten Haaren wohnt zwei Straßen weiter und hat den Garten über die Volkshochschule kennengelernt: „Da gab es einen Kurs von einer Kräuterfrau – das hat mich interessiert, weil ich auch eine bin.“ Inzwischen bestellt Katrin auch ein kleines Beet: „Ich habe wirklich die legendären sieben Jahre gewartet, aber jetzt habe ich endlich eins“, freut sie sich.
Kräuter baut Katrin allerdings nicht an – „Kräuter wachsen wild“ –, sondern Kartoffeln, Jostabeeren, Blumen und Tomaten. Was ihr am Garten gefällt? „Du kannst hier barfuß laufen und bist draußen, unter Bäumen, kannst die Seele baumeln lassen.“
Auch Birgit, die neben ihr sitzt, kommt „zum Relaxen“. Die etwas ältere Frau in oranger Sommerkleidung hat keinen Garten, kommt aber regelmäßig zum Kiez-Café. In ihrer Dachgeschosswohnung sei es im Sommer viel zu heiß, zudem engagiert sie sich seit Jahren beim Sprach-Café: „Da geht’s darum, dass Frauen sich austauschen und wenn man ein Problemchen hat, dass man sich auch helfen kann.“ In das Projekt kam sie über Andrea Heuer. „Sie hat mich angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, dienstags mal zu kommen. Jetzt habe ich immer ein Date am Dienstag“, sagt Birgit und lacht.
Andrea Heuer ist die Koordinatorin des Stadtteilprojekts „Unterwegs in Hohenschönhausen Süd“. Ihr von der Senatsverwaltung für Arbeit und Soziales gefördertes Projekt ist aktuell nicht von finanziellen Kürzungen betroffen, indirekt aber schon, „etwa wenn Integrationskurse oder Sprachangebote für Menschen mit Migrationshintergrund gekürzt werden“. Was jetzt „gespart“ werde, führe allerdings „langfristig zu viel höheren Kosten, in allen Bereichen“, kritisiert sie.
Doch zunächst einmal freuen sich Heuer, Ertl und die anderen auf die Veranstaltungen, die im Herbst noch anstehen, wie das Kino für Alle oder den Laternenumzug. Und immerhin ist der Nutzungsvertrag für die Gärten noch weitere 30 Jahre gültig. „Bis dahin sind wir unter der Erde“, sagt Kavita aus Nepal fröhlich, „aber die Gärten wollen wir erhalten!“
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