Instrumentarien gegen die Krise: Die neue Freiheit der Notenbanken

Das Kriseninstrumentarium: Was machen die Zentralbanken, wenn sie versuchen, die Geldmärkte zu beruhigen? Und warum müssen sie das überhaupt?

Der Geldmarkt soll beruhigt werden: Aber wie? Bild: dpa

BERLIN taz Als "schärfstes Schwert" der Notenbanken wurde die konzertierte Leitzinssenkung von Europäischer Zentralbank (EZB), der US-Notenbank Fed und Co. bezeichnet. Das klingt alarmierend: Ist das Kriseninstrumentarium, mit dem die Geldpolitik dem Kursverfall an den Börsen entgegenwirken will, ausgeschöpft? Was hat sie bisher überhaupt geleistet und vor allem erreicht? Und wieso orientiert sie sich an den Aktienmärkten, wo doch auch die reale Wirtschaft nicht so richtig läuft?

Zunächst haben die Aktienmärkte eine doppelte Funktion bei der Kapitalbeschaffung von Unternehmen: Diese können zum einen über die Mehrausgabe von Aktien direkt Geld einnehmen. Zum anderen ist ihre Börsenkapitalisierung ein wichtiger Maßstab für ihre Kreditwürdigkeit, wenn sie sich Geld bei den Banken besorgen wollen.

Darüber hinaus ist die Börsenentwicklung aber auch ein wichtiges Indiz für die Stimmung in Wirtschaft und Privathaushalten. Denn sie zeigt auch an, wie es um die aktive Vermögensbildung bestellt ist, ob Unternehmen und Verbraucher Geld haben, von dem sie einen Teil anlegen können und wollen - aber auch einen anderen Teil dann wiederum guten Gewissens ausgeben. Die Börsen sind also immer auch ein Indikator dafür, wie sich die Nachfrage entwickelt, die wiederum unerlässlich für Wirtschaftswachstum ist.

Deshalb haben Geld- und Finanzpolitiker zuletzt viel Energie darauf verwandt, eben diese Aktienmärkte zu beruhigen. Und erstaunlicherweise haben gerade die Notenbanken gezeigt, dass sie - zumindest im reinen Krisenmanagement - handlungsfähiger sein können, als es zuvor den Anschein hatte. Sie haben eine wichtige Funktion für die Wirtschaft, indem sie unter anderem die Liquidität auf den Geldmärkten steuern. Kurz gesagt, tauschen sie zum einen über das sogenannte Hauptrefinanzierungsinstrument Sicherheiten von Geschäftsbanken gegen Zentralbankgeld, damit diese Mittel haben, die sie selbst als Kredite vergeben können. Zum anderen bieten sie ihnen über die sogenannten Ständigen Fazilitäten kurzfristige Kreditlinien oder Geldanlagemöglichkeiten.

Üblicherweise laufen nur 10 bis 15 Prozent der Refinanzierungsgeschäfte über die Notenbanken, zu 85 bis 90 Prozent leihen die Banken sich gegenseitig das Geld. Seit diese Maschine stockt, sind die Zentralbanken eingesprungen, haben weite Teile übernommen und immer wieder für kurzfristige Geldspritzen gesorgt, mit denen sie die Märkte liquide hielten.

Neu ist, dass sie sich bei den Bedingungen für die Sicherheiten Freiheiten nehmen. Dass etwa die Bundesbank mit Billigung der EZB Geld für Wertpapiere der angeschlagenen Hypo Real Estate gibt, deren Werthaltigkeit nicht sichergestellt ist, ist ungewöhnlich. Und es ist nicht anders zu erklären als als politische Entscheidung, die Hypo Real Estate zu retten - ein angeschlagenes Unternehmen einer angeschlagenen Branche. De facto betreibt die Bundesbank damit so etwas wie Strukturpolitik.

Die konzertierte Zinssenkung vom Mittwoch war die logische Ergänzung der expansiven Geldpolitik, auch wenn die Experten darüber streiten, ob sie zum richtigen Zeitpunkt kam. Selbst wenn die kurzfristige - psychologische - Strahlkraft schwächer ausfiel als zunächst erhofft, wird sie ihre volle Wirkung erst noch entfalten. Schließlich sollen Leitzinsen auf Dauer auch die Geldmarktzinsen beeinflussen, also die Sätze, zu denen Banken und Unternehmen sich untereinander Geld leihen. Hier zeigt die Erfahrung, dass es selbst in normalen Zeiten immer gut ein halbes Jahr dauert, bis die Senkung durchgereicht ist. Dann aber profitiert auch die reale Wirtschaft.

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