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Instrument des JahresDie schönste Akkordarbeit

Das Akkordeon ist Instrument des Jahres 2026. Zu Recht, findet unsere Autorin. Doch ihre Akkordeonkarriere begann mit einem Missverständnis.

Die Knöpfe aus Perlmutt, so shiny! Foto: Dejan Jekic/getty images

Das Beste ist der Luftknopf. Und das Knitterknatter-Geräusch des Balgs, wenn man ihn zum ersten Mal nach längerer Zeit wieder öffnet. Wie Lungen, die sich von null aufs Maximum füllen – ein richtig befriedigender Atemzug. Die meisten Instrumente brauchen Zuwendung, bevor man sie spielen kann. Einzelteile müssen zusammengesteckt, Saiten gestimmt, Bögen geharzt, Rohrblätter angefeuchtet werden. Ak­kor­deo­nis­t:in­nen müssen einmal beherzt querlüften. Sonst knackt es.

Der Luftknopf liegt ganz oben auf der linken Seite des Akkordeons, etwas entfernt von den anderen Knöpfen. Pffft, pfffffffft. Ihn zu beherrschen, habe ich als Erstes gelernt. Denn man braucht ihn auch, um das Instrument geräuschlos zu schließen.

Damals hatte ich musikalische Früherziehung und Blockflötenunterricht gerade hinter mir und viel Zeit mit der Frage verbracht, welches Musikinstrument wohl am ehesten meiner zehnjährigen Persönlichkeit entsprechen würde. Die Kriterien: Es sollte weder Klavier, Gitarre noch Querflöte sein, diese Standarddreifaltigkeit, aus der die meisten Kinder im Flötenkreis wählten. Ich wollte etwas Besonderes, und vor allem wollte ich etwas, das man nach dem Spielen nicht saubermachen musste. Bloß kein Holz, das von innen verfaulen konnte, weil zu viel Speichel dran war. Überhaupt war mir wichtig, den Mund frei zu haben, um singen zu können. Oh ja! Ein Instrument, zu dem man singen kann! Das wäre doch was!

Und so begann meine Akkordeonkarriere mit einem Missverständnis, denn singen kann man dazu wirklich nicht. Es ist schwer und laut, man spielt es im Sitzen und trägt es vor die Brust geschnallt. So schön sich der Balg auch entfaltet, die eigene Lunge hat dahinter nicht viel Spielraum. Aber weil ich niemand bin, der hinschmeißt, ging ich trotzdem jeden Mittwoch zum Unterricht. Zehn Jahre lang. Und was soll ich sagen, es war die beste Zeit.

Was ich am Akkordeon liebe:

• Dass es so körperlich ist. Wer Akkordeon spielt, trainiert dabei auch Haltung und Bizeps, man schaukelt und wippt und ruckelt und zuckelt, damit es sich nach was anhört. Gleichzeitig lernt man, ein bisschen dramatisch zu sein. Kann nicht schaden.

• Die Knöpfe aus Perlmutt, so shiny!

• Es ist super fürs Hirn. Rechte Hand Melodie, linke Hand Bass und Akkorde, ohne wirklich sehen zu können, was man da tut, dann noch den Balg bedienen und Noten lesen. Mehr Multitasking war in meinem Leben nie wieder.

• Der Klang ist so viel wandelbarer als man denkt, allein die vielen Register. Und genremäßig ist auch so gut wie alles drin, von Bach bis „Because the Night“, von Piazzolla bis „Poker Face“.

• Ich habe in Duos, Trios und im Orchester gespielt. Wir sind nicht viele, aber wir halten zusammen.

• Meine Lehrerin. Die war fantastisch!

Was ich am Akkordeon nicht so liebe:

• Es ist wirklich extrem unpraktisch im Transport, und als ich einmal vergaß, es in den Kofferraum zu räumen, dann mit dem Auto zurücksetzte und drüberfuhr, war mein Karriereende besiegelt. Das Instrument überstand es wie durch ein Wunder halbwegs unbeschadet, aber ich merkte, dass ich mit meinen Gedanken längst woanders war. In einer anderen Stadt und einem WG-Zimmer, wo kein Platz für mein Akkordeon sein würde.

Mittlerweile lerne ich ein bisschen Klavier, nur so für mich. Man setzt sich einfach hin. Kein Pffffft, kein gar nichts. Meine Hände sind zu klein, um ohne Schmerzen eine Oktave zu greifen.

Kürzlich wurde das Akkordeon zum Instrument des Jahres 2026 gekürt. Und ich daran erinnert, wem mein Herz gehört. Ich würde mein Akkordeon niemals verkaufen. Und sollte es dringend mal wieder querlüften.

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