Inflation und Armut in Berlin: Endlich wieder Donnerstag!

Kaum frisches Obst oder Gemüse, sondern essen, was gerade billig ist: Ber­li­ne­r*in­nen mit wenig Geld geraten durch die hohe Inflation in Not.

In einer Laib und Seele-Ausgabestelle in Berlin Foto: Christophe Gateau

BERLIN taz | Endlich wieder Donnerstag. Alexander Kühling hält seine gelbe Karteikarte und 1 Euro bereit, um sich als Tafelkunde für die heutige Ausgabe anzumelden. Der Ort des Geschehens, die Passionskirche am Marheinekeplatz, ist an diesem warmen Sommertag gut besucht. Die Schlange, in die sich Kühling einreihen muss, ist lang, bis er die kühlen Räume der Kirche betreten kann, wird noch eine halbe Stunde vergehen. Bis dahin unterhält man sich und tippelt ab und zu ein wenig näher in Richtung Eingangstür.

„Bist du blau oder noch gelb?“, fragt jemand, der noch seinen Platz in der Warteschlange sucht. Um die Ausgabe besser zu koordinieren, gibt es Karteikarten in vier verschiedenen Farben für vier gleich große Personengruppen. Dieses System entscheidet über die Einlasszeit und rotiert wegen Gerechtigkeit monatlich. Gelb ist diesen Monat der vorletzte Einlasstermin. „Ich bin der letzte Gelbe“, antwortet ein älterer Mann mit Vollbart, „du musst hinter mich.“

Einblick in die Situation bedürftiger Menschen hat Heiner Holland, ehemaliger Geschäftsführer der Kirchengemeinde Heilig-Kreuz-Passion. Er hat sich auf einer Kirchenbank niedergelassen, während ein paar Meter weiter die ersten Tafelkunden ihre Spende entgegen nehmen. Die Kreuzberger Gemeinde unterstützt Obdachlose, Leis­tungs­emp­fän­ge­r*In­nen und Geflüchtete. Wöchentlich finden Essensausgaben in der Kirche am Marheinekeplatz statt. Nach seinem Eindruck sei die Anzahl Bedürftiger, die Unterstützung in Form von Lebensmittelspenden bräuchten, gestiegen, sagt Holland – und das bei gesunkener Spendenbereitschaft.

An manchen Ausgabetagen kämen etwa 100 Menschen zusätzlich in die Kirche. „Unsere Hilfe ist wichtig“, sagt Holland. „Allerdings darf der Staat die Verantwortung nicht auf die Tafeln abwälzen.“ Gleichzeitig würden die Supermärkte wegen der Teuerungen näher am Mindesthaltbarkeitsdatum kalkulieren. So bleibe weniger für die Tafel übrig, erklärt Holland.

Alexander Kühling ist seit etwa neun Jahren wegen gesundheitlicher Probleme auf Sozialleistungen angewiesen. „Bis letztes Jahr konnte ich immer gut haushalten“, sagt der Tafelkunde, „aber jetzt ist es wirklich schwierig geworden.“ Seine finanzielle Situation habe sich seit ein paar Monaten deutlich verschlechtert.

Zuerst zu den Rabattkisten

„Wenn ich im Supermarkt bin, laufe ich als Erstes zu den Rabattkisten. Ich esse nicht, worauf ich Appetit habe, sondern das, was gerade günstig ist.“ Außerdem sei die soziale Teilhabe erschwert. „Es ist mir peinlich, zuzugeben, dass ich mir einen Restaurantbesuch gar nicht leisten kann. Ich muss dann Ausreden erfinden, warum ich nicht mitkomme.“ Für die Essensspenden ist Alexander Kühling dankbar. „Ohne die Ausgabe würde ich kaum noch Gemüse und Obst essen können.“

Als er endlich an der Reihe ist, kann er sich Brot nehmen; Obst und Gemüse werden ihm zugeteilt. Zusätzlich gibt es etwas Käse, Wurst oder Haltbares. Viele grüne und schwarze Kisten mit Lebensmitteln stehen auf Tischen in einer langen Reihe durch die Kirche. Auf der einen Seite stehen Ehrenamtliche und verteilen, auf der anderen Seite laufen die Emp­fän­ge­r*In­nen wie Alexander Kühling von Kiste zu Kiste. „Willst du noch etwas Rharbarber?“, fragt eine Ehrenamtliche freundlich. Kühling nimmt dankend an.

Menschen, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind, kommen durch Regelsätze, die an der Armutsgrenze liegen, schnell in Existenznot. Sie erhalten, wie auch Alexander Kühling, 155,82 Euro für Nahrungsmittel und 38,07 für Energie monatlich. Die Heizkosten werden separat gezahlt, und es können auch Nachzahlungen übernommen werden. Doch wegen gestiegener Lebensmittel- und Energiepreise reichen die Pauschalen nun kaum mehr aus. Wenn die Preise wie derzeit über einen längeren Zeitraum höher als im Vorjahreszeitraum liegen, spricht man von Inflation.

Inflation ist dem Lateinischen Wort „inflatio“ entlehnt und bedeutet „sich aufblasen“. Aufgeblasen ist in dem Fall der Preis von Waren und Gütern. Das Geld erfährt somit einen Wertverlust. Um Inflation zu messen, ist ein Überblick über die Verbraucherpreise entscheidend. Dafür wird ein sogenannter Warenkorb mit 600 Produkten erhoben und durch die Ämter für Statistik ausgewertet. So entsteht der Verbraucherpreisindex. An ihm ist die aktuelle Teuerungsrate ablesbar.

Der bundesdeutsche Durchschnitt der Inflation betrug für Juni 7,6 Prozent, im Mai waren es 7,9. Eine Veränderung des Prozentsatzes muss nicht bedeuten, dass sich die Inflation im laufenden Jahr geändert hat. Tatsächlich ist die Inflation von Mai auf Juni sogar gestiegen. Das liegt daran, dass die erhobenen Preise ins Verhältnis zu Juni 2021 gesetzt werden.

In Berlin ist die Inflationsrate noch um einen Prozentpunkt höher als bundesweit und liegt bei 8,6 Prozent. Thomas Krämer vom Statistischen Bundesamt führt die starke Abweichung in Berlin insbesondere auf den gekippten Mietendeckel zurück: „Nachdem es einen bundesweit einmaligen Rückgang der Wohnungspreise in Berlin gegeben hat, sind die Wohnungsmieten nach dem Scheitern der Obergrenze sprunghaft angestiegen, sogar über das Niveau von vor dem Mietendeckel.“ Das wirke sich noch immer aus, vermutet er. Zudem sei Berlin als Hauptstadt besonders attraktiv für Touristen. „Das und kleinere Faktoren wie regional unterschiedliche Märkte führt hauptsächlich zu höherer Inflation in Berlin“, sagt Thomas Krämer.

Um die Menschen in Deutschland von den gestiegenen Kosten zu entlasten, hat der Bund weitreichende Maßnahmen beschlossen. So gibt es die Möglichkeit, den Nahverkehr bundesweit für 9 Euro zu nutzen, es gibt eine Steuerentlastung auf Benzinpreise und diverse Einmalzahlungen. Heiner Holland zieht dennoch eine eher negative Bilanz: Das 9-Euro-Ticket sei sicher eine Entlastung. Vom Tankrabatt profitiere hingegen kaum jemand, sagt er, weil nur wenige arme Menschen in Berlin ein Auto besäßen. Die Einmalzahlungen könnten keine grundlegenden Änderungen herbeiführen. „Insgesamt ist das Prinzip Gießkanne, das in diesem Entlastungspaket Anwendung findet, ungerecht“, sagt Holland.

In Berlin ist die Inflationsrate noch um einen Prozentpunkt höher als bundesweit und liegt bei 8,6 Prozent

Alexander Kühling sieht sich den steigenden Energiepreisen gegenüber machtlos. Strom muss er von seinem Regelsatz zahlen. Er wisse nicht, woher das Geld kommen solle, wenn eine Nachzahlung gefordert würde. So wie ihm geht es immer mehr Menschen. Die gestiegenen Lebensmittelpreise und die Warnung vor exorbitant steigenden Energiepreisen lasse die Armen in „Überlebensstrategien“ verfallen, sagt Heiner Holland. Er beschreibt, wie einige schon jetzt einen Wochenplan erstellten und sich dann täglich von Hilfsangebot zu Hilfsangebot hangeln, um die basalsten Bedürfnisse zu befriedigen.

Die Verbraucherzentrale Berlin beobachtet eine Verschiebung der Beratungsanfragen zu Gasproblemen. Diese hätten mittlerweile einen Anteil von über 30 Prozent, was einer Verdopplung im Vergleich zu den Vorjahren entspricht. Die Verbraucherzentrale rät zum Sparen: „Auch Ihren Stromverbrauch sollten Sie reduzieren, da ein Teil des Gases zur Stromproduktion genutzt wird.“

Und nicht nur die Ärmsten stehen vor finanziellen Herausforderungen: „Es werden zunehmend andere Einkommensgruppen betroffen sein, Ver­brau­che­r*in­nen mit geringen oder mittleren Einkommen ohne Anspruch auf Sozialleistungen“, prognostiziert Elisabeth Grauel von der Energieberatung.

Es bleibt abzuwarten, ob der Bund Maßnahmen ergreift, um Härten aufzufangen. Denkbar und von Sozialverbänden wiederholt gefordert wäre eine dauerhafte Anhebung der Regelsätze um 100 Euro – damit Menschen in Würde leben und am Leben teilhaben können. Alexander Kühling und all die anderen Menschen mit wenig Geld werden sich ohne weitere finanzielle Zuwendung buchstäblich warm anziehen müssen.

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