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Infantinos Allmacht hat doch Grenzen

Das Lebenselixier der Fifa ist, denen nahe zu sein, die global das Sagen haben. Des Präsidenten Stellung ist sicher, so lange er den Mitgliedern jährlich mehr Geld überweisen kann

Von Andreas Rüttenauer

Die ganz große Eskorte ist Gianni Infantino dann doch verwehrt geblieben. Beim Fifa-Kongress Anfang Mai im kanadischen Vancouver musste der Präsident des Internationalen Fußballverbands (Fifa)mit gewöhnlichen Sicherheitsmaßnahmen vorliebnehmen. Die große motorisierte Eskorte, die an keiner Ampel stehen bleiben muss, werde nur organisiert, wenn der Papst komme oder ein US-Präsident, meinte die lokale Polizeibehörde. Unerhört. Infantino ist doch der „König des Fußballs“. So jedenfalls nennt ihn US-Präsident Donald Trump schon mal.

Selbst die wichtigsten Regierungschefs der Welt waren mitunter nicht so häufig im Weißen Haus zu Gast wie Infantino. Auch beim saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, in dessen Königreich 2034 die Fußball-WM stattfinden soll, ist er regelmäßig zu Gast. Vom russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin, der 2018 den WM-Siegerpokal an das französische Team übergeben hat, bekam er den höchsten Orden des Landes verliehen. Er war dabei, als Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate vereinbarten, sich diplomatisch anzunähern. Und als Donald Trump im Februar im Nachgang des brutalen Gazakriegs einen Friedensrat als Konkurrenz zu bestehenden internationalen Institutionen gegründet hat.

Der Internationale Fußballverband ist längst mehr als ein Sportverband, der für die Spielregeln und Großturniere verantwortlich ist. Er spielt mit in der Weltpolitik. Dabei ist er weit mehr als ein gern gesehener Zaungast, gerade bei den finstereren Herrschern dieser Welt. 2018 hat die Fifa der Russischen Föderation, deren Expansionsdrang spätestens seit der Annexion der Krim nur allzu offensichtlich war, mit dem WM-Turnier ein wahres Sommermärchen beschert. Fans aus aller Welt sangen und soffen sich vier Wochen durch das Land, dessen Söldner in der Ostukraine ihr mörderisches Handwerk verrichteten. Imagewashing nennt man diese Art der Instrumentalisierung des Sports zu propagandistischen Zwecken.

Solches hat auch vor vier Jahren in Katar bestens funktioniert. Der Imagefilm, den die Fifa nach dem Turnier produzieren ließ, singt das Hohelied auf das erste globale Fußballfest, das in der muslimischen Welt stattgefunden hat. Schon lange vor Turnierbeginn hatte die Fifa kein Interesse mehr daran, aufzuklären, wie es eigentlich zu der WM-Vergabe an Katar gekommen ist, ob sich das Emirat das Turnier gekauft hat und welche Rolle die geschäftlich-diplomatischen Beziehungen Frankreichs zu Katar dabei gespielt haben.

Der Verband hatte einer Region zum Imagegewinn verholfen, deren Rohstoffe immer noch der Treibstoff für die Weltökonomie sind. Die gut dokumentierten Todesfälle auf den Stadionbaustellen in Katar, die für brave Proteste in der westlichen Welt gesorgt hatten, waren zur Fußnote geworden, sobald der erste Anstoß in Doha erfolgt war. Als der Emir von Katar Lionel Messi, dem Kapitän der argentinischen Weltmeistermannschaft, bei der Siegerehrung einen Umhang in traditioneller Tracht umlegte, hatte die politische Kraft des Fußballs ihre volle Wirkung entfaltet.

Der Fußball soll auch bei der anstehenden WM im Co-Gastgeberland USA seine Rolle als Image­aufheller spielen und von den Machenschaften der ICE-Schergen ablenken, die immer noch wahllos Immigranten in Lager stecken und ausweisen. Die Fifa hat ihre Stimme auch nicht erhoben, als klar wurde, dass Fußballfans aus den von Donald Trump mit Einreisebeschränkungen belegten Staaten auch dann nicht in die USA einreisen dürfen, wenn sie ein Ticket für ein Spiel erworben haben.

Während der Weltverband in den vergangenen Jahren die Gastgeberländer immer dazu gezwungen hat, keine Steuern auf die Einnahmen während des Turniers zu erheben, muss in den USA brav der Steuersatz bezahlt werden, der in den jeweiligen Bundesstaaten gilt. Die Fifa hat sich ganz nah an die USA angeschmiegt. Dafür will sie von der Macht Donald Trumps in der Welt profitieren. Wie wohl sich Gianni Infantino bei den Weltmachtspielen fühlt, ist auf den Bildern, die ihn im Oval Office neben Donald Trump zeigen, nur allzu deutlich zu sehen.

Der Friedenspreis, den die Fifa Donald Trump in einer irrwitzigen Zeremonie verliehen hat, bei der sich der US-Präsident höchstselbst eine Medaille um den Hals gehängt hat, mag Stoff für Memes geworden sein, über die die aufgeklärte Welt nicht müde wird zu lachen. Man kann es durchaus als anmaßend bezeichnen, wenn die Spitze eines Sportverbands glaubt, weltpolitische Ereignisse besser beurteilen zu können als das Komitee, das den Friedensnobelpreis verleiht. Und doch passt dies zu den Veränderungen dieser Zeit, in der die Weltordnung gewaltig durcheinandergewirbelt wird.

Erst die Geschichte wird zeigen, ob das Kopfschütteln über Trumps Friedensrat angebracht war, in den man sich für 1 Milliarde US-Dollar einkaufen kann, wenn man möchte. Oder ob sich dort ein neues Machtzentrum etabliert, das man mit dem heutigen Blick aus einer liberalen Demokratie heraus als gruselig bezeichnen mag. Und wenn sich andere Machthaber auf der Welt dereinst um eine Auszeichnung mit dem Fifa-Friedenspreis reißen, wird das Lachen über diese Ehrung vielleicht schneller verklingen, als man sich das angesichts der lächerlichen Bilder von der Verleihung an Donald Trump vorstellen kann.

Andreas Rüttenauer Jahrgang 1968, ist seit 2001 bei der taz und seit 2006 Sport­redakteur. Sein besonderes Interesse gilt dabei der Rolle des Fußballs und seiner Akteur:innen in der Gesellschaft.

Immer denen ganz nah zu sein, die in der Welt das Sagen haben oder es zumindest anstreben, ist das Lebenselixier der Fifa, die so lange bestens funktionieren wird, solange ihr Präsident Gianni Infantino Jahr für Jahr den Mitgliedsverbänden mehr Geld überweisen kann. Hatte die Fifa im Vierjahreszyklus rund um die WM in Katar 2022 noch einen Umsatz von 6 Milliarden ausgewiesen, rechnet sie diesmal mit 9 Milliarden. Ein Großteil des Geldes wird an die Mitgliedsverbände ausgeschüttet.

Zwar regt sich zaghafter Widerstand gegen die Politisierung des Verbandes, die Infantino auch durch die Schaffung seines Friedenspreises vorantreibt. Doch die große Mehrheit der 211 Mitgliedsverbände wird dankbar die Hände heben, wenn sich Infantino im kommenden Jahr für eine weitere Amtszeit von vier Jahren als Fifa-Präsident bewirbt. Im Vorfeld des Fifa-Kongresses in Vancouver hatte der Norwegische Fußballverband darauf hingewiesen, dass die Statuten des Weltverbands politisches Agieren eigentlich untersagen würden. Auf dem Kongress war das dann schon kein Thema mehr. Fragen der Presse musste sich ­Infantino deswegen ebenfalls nicht stellen. Schon lange hat er keine Pressekonferenz mehr gegeben.

Und aus dem eigenen Haus muss er schon lange nichts mehr befürchten. Niemand rechnet mit einer ernsthaften internen Untersuchung des Falls durch die Ethikkommission der Fifa, nachdem diese von Infantino regelrecht ­gleichgeschaltet worden ist. Als Infantino Anfang 2016 an die Macht kam, war das noch anders. Er hatte sich als Reformkandidat um die Nachfolge seines Landsmanns Sepp Blatter an der Fifa-Spitze beworben. Der Weltverband befand sich damals in der größten Krise seiner Geschichte, nachdem mehr als eine Handvoll Spitzenfunktionäre aus verschiedenen Ländern in Zürich wegen Korruptionsvorwürfen festgenommen worden waren.

Bei all der Nähe, die Infantino zu Superreichen und MAGA-Mächtigen sucht, wundert es nicht, dass er sich für einen Superhelden mit Zauberkraft hält

Die Frage, ob sich ein Verband selbst reformieren kann, der von einer Clique von Menschen geführt wird, deren oberstes Ziel die eigene Bereicherung war, lag in der Luft. Und nachdem eine neu eingesetzte Ethikkommission den ehemaligen Präsidenten Blatter tatsächlich von allen fußballerischen Betätigungen ausgeschlossen hatte, bestand durchaus Hoffnung in dieser Richtung. Sogar gegen Infantino selbst wurde ermittelt, weil er allzu ausgiebig mit Privatjets durch die Welt geflogen sein soll.

Zehn Jahre später wird die Fußballwelt nun Zeugin einer beispiellosen Machtfülle des Fifa-Präsidenten, für den die wohlformulierten Regularien seines Verbands nicht zu gelten scheinen. Er ist unantastbar. Widerspruch hat er nicht zu befürchten, solange er jedes Jahr aufs Neue mehr Geld versprechen kann. Das ist so einfach wie traurig und passt nur allzu gut in eine Welt, die sich zunehmend an den Vorstellungen von Oligarchen mit Allmachtsfantasien orientiert.

Bei all der Nähe, die Gianni Infantino zu Superreichen und MAGA-Mächtigen sucht, ist es kein Wunder, dass er sich selbst für eine Art Superhelden mit Zauberkraft hält. Beim jüngsten Fifa-Kongress in Vancouver hat er versucht, den Präsidenten des palästinensischen Fußballverbands, Jibril Rajoub, und Basim Scheich Suliman, den Vizepräsidenten des israelischen Verbands, zu einem Händedruck auf offener Bühne zu bewegen. Die beiden spielten nicht mit. Den Israel-Palästina-Konflikt kann der Chef eines Sportverbands dann doch nicht so einfach im Handstreich lösen.

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