: In der Visafalle
Mehr als tausend Iraner:innen bangen um ihre Studienplätze in Deutschland, weil die Deutsche Botschaft kaum mehr Visaanträge bearbeitet. Viele der Studierenden haben bereits ein Semester verloren – jetzt hoffen sie auf die Politik
Foto: privat
Von Ralf Pauli
Ohne die Eskalation der Gewalt in seiner Heimat hätte der 3. Februar 2026 für Nima Ahmadi ein Glückstag werden können. An diesem Tag nämlich verschickt die Technische Hochschule Mittelhessen einen Zulassungsbescheid an den 28-jährigen Iraner. Darin steht, dass der Student aus Isfahan im Sommersemester den Masterstudiengang Control, Computer and Communications Engineering in Deutschland antreten darf. Genauer gesagt in Friedberg, einer Kleinstadt nördlich von Frankfurt. Ahmadi, den die taz auf seinen Wunsch anonymisiert hat, fehlt nur noch das Studienvisum.
Doch zu dem Zeitpunkt ist die Visastelle der Deutschen Botschaft in Teheran bereits geschlossen. Der Grund: Seit Wochen geht das iranische Regime mit brutaler Gewalt gegen die landesweiten Proteste vor. Zudem verdichten sich die Anzeichen, dass die USA und Israel das Land angreifen werden.
Ahmadi erreicht zwar, dass er noch im Februar auf die Warteliste für ein Visumsgespräch gesetzt wird. Doch kurz nach den ersten Luftschlägen zieht die Bundesrepublik ihr Botschaftspersonal aus dem Land ab – und auch seit Abflauen des Konflikts im April bleibt die Botschaft im Notbetrieb. Und so hat Nima Ahmadi bis heute noch keinenTermin für sein Visum erhalten.
Wie ihm ergeht es derzeit mehr als tausend Iraner:innen, die in Deutschland studieren wollen. Das Auswärtige Amt (AA) bestätigte auf Anfrage der taz, dass in diesem Jahr in Teheran bereits mehr als 1.100 Visaanträge „zum Zwecke des Studiums“ gestellt worden sind. Wie schnell diese Visa nun abgearbeitet werden, ließ das AA offen. „Aufgrund der aktuellen Sicherheitslage in Iran ist der Betrieb an der Botschaft und insbesondere in der Visastelle in Teheran weiterhin stark eingeschränkt“, teilte ein Sprecher mit. Auch die Deutsche Botschaft in Teheran macht keine Angaben, wie schnell die Personen auf der Warteliste drankommen.
Für die Betroffenen bedeutet das: Sie wissen bis heute nicht, ob sie ihr Visum rechtzeitig erhalten und ob sie sich – nach dem verpassten Sommersemester – nun auch noch das Wintersemester abschminken können. „Aufgrund der langen Wartezeit besteht für mich inzwischen die ernsthafte Gefahr, meinen Studienbeginn erneut zu verpassen“, schreibt etwa eine Iranerin der taz, die für einen Master an der Hochschule Kaiserslautern zugelassen ist.
Der taz liegen Dutzende solcher E-Mails vor. Auch Nima Ahmadi aus Isfahan klingt zermürbt: Seinen Studienplatz in Friedberg hat er bereits verloren. Nun ist er für einen Master an der Technischen Universität Hamburg eingeschrieben. Der Studiengang beginnt jedoch nur einmal im Jahr, so Ahmadi. „Wenn ich diese Zulassung verliere, müsste ich ein weiteres Jahr auf die nächste Möglichkeit warten.“
Teures Warten
All das kostet nicht nur Nerven, sondern auch viel Geld. Sprachzertifikate etwa dürfen zum Zeitpunkt der persönlichen Vorsprache an der Botschaft nicht älter als ein Jahr sein. Ähnliche Regeln gibt es auch für Übersetzungen und weitere Dokumente. Für die Studierenden vor Ort ist das ein riesiges Problem: „Während wir auf einen Termin warten, können Unterlagen, für die wir bereits viel Geld und Zeit investiert haben, ihre Verwendbarkeit für das Visum verlieren“, kritisiert Ahmadi.
Für ein neues Sprachzertifikat müsse er in ein Nachbarland wie die Türkei reisen, da die für das Visum erforderlichen Englischtests – IELTS – seit Februar nicht mehr in Iran angeboten würden. Umgerechnet 220 Euro koste der Test in der Türkei, so Ahmadi. Wegen der hohen Inflation in Iran sei das sehr viel Geld. Hinzu kämen Reise- und Übernachtungskosten.
Und nicht zu vergessen: die Semestergebühren in Deutschland, die schon während der Rückmeldefristen für das Wintersemester im Juni und Juli fällig wurden. Bisher gibt es nach Informationen der taz noch keinen flexiblen Umgang mit der Situation an deutschen Hochschulen. Weder überweisen die Unis das Geld zurück, wenn jemand wegen der Visaprobleme nicht mit dem Studium beginnen kann, noch halten sie den zugesagten Studienplatz unkompliziert frei. Entsprechende Absprachen fehlen bislang, teilt die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) auf Anfrage mit. Einzelne Hochschulen bemühen sich jedoch, im Rahmen ihrer Möglichkeiten Lösungen für Einzelfälle zu finden.
Am meisten würde den Betroffenen jedoch eine beschleunigte Visabearbeitung helfen. Erst vergangene Woche demonstrierten rund 50 bis 60 iranische Studierende friedlich vor der Deutschen Botschaft in Teheran und forderten mehr Tempo. Was viele ärgert: Offenbar gibt es bei der Bearbeitung der Visaanträge eine klare Priorisierung. So berichten mehrere Iraner:innen unabhängig voneinander, dass die Deutsche Botschaft in Teheran zunächst Arbeitsvisa und Schengenvisa bearbeite, bevor Studienvisa an der Reihe sind. Das hätten Mitarbeitende vor Ort so ausgerichtet. Ob das stimmt, wollte das Auswärtige Amt auf Nachfrage nicht öffentlich beantworten.
Der Grünen-Abgeordnete Boris Mijatović, Mitglied im Menschenrechtsausschuss des Bundestags, hat wenig Verständnis für die Rumdruckserei: „Ich erwarte vom Auswärtigen Amt, transparent zu machen, nach welchen Kriterien Visa priorisiert werden und wann Studienvisa wieder verlässlich bearbeitet werden können“, sagte Mijatović der taz. Dass zugelassene Studierende wenige Wochen vor Semesterbeginn immer noch kein Visum und damit keine Planungssicherheit hätten, sei „nicht akzeptabel“.
Boris Mijatović, Grünen-Mitglied im Menschenrechtsausschuss des Bundestags
Deutschland beliebt wie nie
Mijatović fordert von der Bundesregierung nun schnelle Lösungen, etwa durch zusätzliche Bearbeitungskapazitäten an anderen Auslandsvertretungen oder in Berlin: „Die Studierenden haben ihren Teil der Arbeit erfüllt, da kann sich Berlin nicht rausreden.“ Ansonsten drohe der Ruf und die Zuverlässigkeit Deutschlands Schaden zu nehmen.
Das fürchtet auch der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD). „Eine längere oder dauerhafte Verzögerung bei Visaverfahren kann das Vertrauen in Deutschland als herausragenden Studienstandort vermindern“, teilt der DAAD auf taz-Anfrage mit.
Aktuell sind die deutschen Hochschulen in Iran so beliebt wie nie. In nur zehn Jahren hat sich Zahl der iranischen Studierenden in Deutschland verdreifacht. Zuletzt stellten sie mit 17.248 Personen die viertgrößte Gruppe unter den ausländischen Studierenden – hinter Indien, China und der Türkei. Wie viele es in diesem Jahr werden, entscheidet sich in den nächsten Wochen. Ralf Pauli
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