: In „Otter News“
Die Presse steckt in der Krise und das Interesse für Klimawandel sinkt. Ausgerechnet jetzt will Daniel Drepper ein Medium gründen, das sich ausschließlich mit diesem Thema beschäftigt – investigativ und optimistisch. Wie kann das funktionieren?
Foto: Hannes Leitlein
Interview Carolina Schwarz
taz: Die Klimakrise ist gefährlich, zerstörerisch, tödlich. Man könnte sagen: ein Biest. Sie nennen Ihr neues Medium ausgerechnet nach dem süßen Otter. Wieso das, Herr Drepper?
Daniel Drepper: Weil ich deutlich machen möchte, dass sich Otter News nicht ausschließlich mit der Klimakrise in Form von wissenschaftlichen Studien und harten Fakten auseinandersetzt, sondern einfach mit allem, was uns umgibt und das die Klimakrise betrifft. Ich hoffe, dass sich auch Menschen für die Recherchen und Geschichten interessieren, die jetzt nicht jede neue Studie zum Thema lesen. Der Name ist ein Versuch, auch Menschen abzuholen, die von einem Namen wie „Climate Reporting Center“ vielleicht abgeschreckt wären. Gleichzeitig ist der Otter ein gutes Symbol.
taz: Ist er besonders von der Klimakrise bedroht?
Drepper: Er kann sich nur in bestimmten Ökosystemen ansiedeln. Er braucht sauberes Wasser, genügend Fische zum Essen und naturbelassene Ufer, um sich zu verstecken. Weil es daran mangelte, war der Otter in Deutschland schon einmal fast ausgestorben. Doch in den letzten Jahren hat sich das erholt und er ist in fast allen Teilen Deutschlands wieder zu Hause. Es ist also auch eine Mutmachgeschichte.
taz: Sie wollen mit „Otter News“ also konstruktiven Journalismus machen?
Drepper: Vor allem geht es um investigative Recherchen zur Klima- und Umweltkrise, davon gibt es in Deutschland zu wenig. Und die Räume zur Veröffentlichung werden immer weniger. Dabei gibt es viel zu recherchieren. Aber ja, wir brauchen auch Geschichten, die Mut machen, und Erzählungen von Beispielen, die funktionieren. Damit die Menschen etwas an die Hand bekommen, an dem sie sich orientieren können. Und ich hoffe, dass wir einen Journalismus schaffen, den die Menschen besser verstehen. Also weniger geheime Recherchen hinter verschlossenen Türen für 18 Monate, sondern dass wir das Publikum Schritt für Schritt mitnehmen und integrieren.
taz: Investigativjournalismus bringt Informationen an die Öffentlichkeit, die ihr nicht einfach so zugänglich sind. Ist es nicht ein Widerspruch, die Leser:innen dann schon bei der Recherche mitzunehmen?
Drepper: Theoretisch ja. Investigativjournalist:innen halten ihre Recherchen oft geheim, weil sie Angst vor der Konkurrenz haben. Also davor, dass ihnen die Themen geklaut werden. Und sie fürchten, dass Unternehmen, Behörden, Personen, zu denen sie recherchieren, irgendetwas unterschlagen, Dokumente verbrennen oder Quellen einschüchtern.
taz: Diese Ängste teilen Sie nicht?
Drepper: In der Theorie kann das alles passieren und es wird auch bei Otter News Recherchen geben, die wir erst am Ende mit der Öffentlichkeit teilen. Aber in vielen Fällen können Recherchen viel transparenter stattfinden, weil sie gar nicht behindert werden können. Oft gibt es zu viele Mitwisser und Dokumente. Es wäre schlicht zu aufwendig, das alles zu vertuschen. Und zweitens ist es oft so, dass, wenn angefangen wird zu vertuschen, der gegenteilige Effekt eintritt und Menschen hellhörig werden. Oft ist gar nicht die Geschichte der größere Skandal, sondern die Vertuschung dieser Geschichte ist das, was am Ende der große Aufreger ist. Das war auch bei Watergate so.
taz: Wie könnte dieser offene Ansatz bei „Otter News“ konkret aussehen?
Daniel Drepper (Jg. 1986) ist Investigativjournalist. Bis Frühling 2025 war er Leiter der Recherchekooperation von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“. Anschließend war er Nieman-Fellow an der Harvard-Universität. Dort hat er die Idee für „Otter News“ entwickelt.
Drepper: Da kann ich von meiner ersten Recherche bei Otter News erzählen, die wir diese Woche gestartet haben. In den USA gab es 2019 eine Recherche zum Ölkonzern Exxon, die gezeigt hat, wie das Unternehmen schon vor 40, 50 Jahren von der drohenden Klimakrise gewusst, aber trotzdem eine nachhaltige Energiewende sabotiert hat. So eine Recherche gibt es für Deutschland nicht. Ich möchte wissen, wie das hier bei RWE, Eon, EnBW, Vattenfall, möglicherweise auch bei VW, Mercedes, BMW und anderen großen, klimarelevanten Konzernen aussieht. Also, was wussten sie? Welche Studien haben sie intern gemacht? Wer ist dafür verantwortlich? Welche Optionen hätten wir gehabt, wenn die Unternehmen früher reagiert hätten? All das möchte ich herausfinden und habe jetzt in einem Video bei Instagram angekündigt, dass ich das recherchieren möchte. Der nächste Schritt ist, dass ich die Pressestellen anrufe und sage, dass ich in ihre Archive möchte und all ihre Unterlagen einsehen möchte. Und wenn sie das nicht machen, dann weiß die Öffentlichkeit schon einmal, dass die Unternehmen das aktiv blockieren. Meine Hoffnung ist natürlich, dass sich Leute bei mir melden, die da vor langer Zeit mal gearbeitet haben und Dinge wissen. Aus früheren Recherchen weiß ich, dass das manchmal der beste Weg ist, um Quellen anzusprechen.
taz: Laut Umfragen interessieren sich Menschen nicht mehr so sehr für die Klimakrise. Wie wollen Sie gegen dieses Desinteresse ankommen?
Drepper: Ich glaube, es geht vor allem darum, wie wir Geschichten erzählen. Als Journalist muss ich bei all meiner Kritik an Meta, Tiktok und Co anerkennen, dass ich Menschen natürlich vor allem über soziale Medien erreiche. Deswegen läuft meine Mitgliederkampagne neben meinem Newsletter auch dort mit 100 kurzen Videos in 100 Tagen. Und auch in Zukunft werde ich in kurzen Videoinhalten kommunizieren. In Podcasts. Und auch in Newslettern, aber möglichst nicht ständig mit 30.000-Zeichen-Texten. Es ist mein Zugeständnis an die Seh- und Aufmerksamkeitsgewohnheiten des Publikums. Weil ich es wichtig finde, sie zu motivieren, sich für dieses relevante Thema zu interessieren.
taz: Zu Zeiten von Klimaklebern und Fridays for Future war das Interesse einmal größer. Wo ist es hin? Der Hoffnungslosigkeit gewichen?
Drepper: Das ist sicherlich ein Grund. Aber wir haben auch eine anstrengende Situation aktuell: Die Menschen haben das Gefühl, sie müssen sich an allen Fronten mit schlimmen Dingen befassen. Und viele, die sich damals zeitaufwendig engagiert haben, sehen jetzt, dass wenig besser geworden ist. Das ermüdet. Für mich persönlich merke ich, dass ich mich umso weniger ohnmächtig fühle, je mehr ich mich sinnhaft mit dem Thema beschäftige. Ich habe natürlich den Vorteil, dass ich das zu meinem Beruf machen kann. Das ist für andere Leute schwieriger. Aber das ist meine Hoffnung, dass, wenn man den Menschen ein Medium anbietet, das sie stärker mit einbezieht und das auch positive Geschichten erzählen will, das Optimismus weckt.
taz: Optimistisch ist es auf jeden Fall auch, ein Medium in diesen Zeiten zu gründen. Der Medienlandschaft geht es nicht gut: Medien schließen, Stellen werden abgebaut. Wäre es nicht besser, Ihren Journalismus in ein bestehendes Medienhaus einzugliedern?
Drepper: Den Ratschlag habe ich auch von einer erfahrenen Mentorin bekommen. Aber mein Eindruck ist, dass man dann am meisten bewegen kann, wenn etwas Neues entsteht. Man ist losgelöst von bürokratischen Prozessen und kann frei ausprobieren. Bei meinen letzten Gründungen – sowohl bei Correctiv als auch bei Buzzfeed Deutschland – hatte ich den Eindruck, dass man so auch Einfluss auf die Arbeit anderer hat. Bei Buzzfeed hatten wir die erste investigative Reporterin für queere Themen oder für sexualisierte Gewalt. Und Correctiv hat die Kooperationswilligkeit im deutschen Medienmarkt gestärkt. Das hat über die eigenen Recherchen hinaus Wirkung gezeigt.
taz: Damals gab es aber auch nicht die zusätzliche Bedrohung durch künstliche Intelligenz, die schon jetzt erste Redakteursstellen ersetzt.
Otter News soll 2027 an den Start gehen mit Newsletter, Videos und Podcasts. Ende Oktober erscheint in Kooperation mit der Produktionsfirma Undone der Podcast „Feuer“.
Drepper: Das stimmt. Aber gerade deswegen ist es wichtig, mit einem Medium auf die Dinge zu setzen, die eine KI nicht leisten kann. Erstens: der gemeinsame Austausch. Ich möchte eine Community aufbauen, die Umwelt- und Klimathemen und auch die Entstehung von Journalismus an sich diskutiert. Weil Menschen meiner Theorie nach auch langfristig lieber mit Menschen kommunizieren als mit einem Roboter. Zweitens: investigative Geschichten. Dinge gegen Widerstände herausfinden, denn die KI wird diese Widerstände nicht überwinden.
taz: Sie brauchen 3.000 Abonnent:innen, die 8 Euro monatlich zahlen, um „Otter News“ zu starten. Wie läuft die Kampagne bislang?
Drepper: Ich bekomme sehr viele begeisterte Nachrichten. Menschen, die schreiben: Endlich tut sich was in dem Bereich. Weil die natürlich auch mitbekommen, wie die Berichterstattung weniger wird, dass der WDR seinen Klima-Account einstellt, dass Flip geschlossen wird. Und was ich einen tollen Vertrauensbeweis finde: dass sich nach einer guten Woche schon 50 Menschen bei mir beworben haben, obwohl wir noch keine einzige Geschichte veröffentlicht haben. Um überhaupt jemanden einzustellen, braucht es natürlich erst einmal die Abos. Aber ich bin zuversichtlich, dass die kommen.
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