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In Nigerias Ölgebiet wächst die Unruhe

■ Mit militärischen Mitteln versucht die Regierung, Protesten des Ijaw-Volkes im Delta des Niger-Flusses Herr zu werden. Auch die Ölförder-Aktivitäten von Shell wurden zeitweise empfindlich gestört

Von „Chaos“ und „Anarchie“ spricht Nigerias Militärregierung, von Aufbegehren gegen die Diktatur spricht die Opposition. Zumindest steigt die politische Spannung im Niger-Flußdelta, wo das Erdöl gefördert wird, das Nigeria zu einem der größten Ölexporteure der Welt macht. Waren es vor einigen Jahren die 500.000 Ogoni im Osten des Deltas, die wegen ihres Kampfes gegen Umweltverschmutzung unter Führung des 1995 hingerichteten Ken Saro-Wiwa Weltruhm erlangten, kommt der Protest diesmal von Angehörigen des Drei- Millionen-Volkes der Ijaw um die Stadt Warri im Westen.

Noch am vergangenen Freitag schien sich eine Entspannung anzudeuten, nachdem eine Ijaw-Jugendgruppe ihre fünftägige Geiselnahme von 127 einheimischen Mitarbeitern des Ölmultis Shell infolge einer Vereinbarung mit Shell gütlich beendete. Am nächsten Tag jedoch verhängte Militärgouverneur John Dungs eine nächtliche Ausgangssperre über Warri und befahl den Sicherheitskräften, bei Zuwiderhandlung sofort das Feuer zu eröffnen. Seitdem patrouillieren im Ort schwerbewaffnete Sondereinheiten der Polizei. In den Tagen zuvor waren Häuser mehrerer Anhänger der Regierung in Flammen aufgegangen.

Die Ijaw-Protestler sind erzürnt darüber, daß Nigeria den Sitz der Kommunalverwaltung von Warri aus dem Ijaw-Viertel Ogbe-Ijoh in den Ort Ogidigben verlegt hat, wo Angehörige des Itsekiri-Volkes leben. Ein Verwaltungssitz zieht Staatsgelder an und schafft Arbeitsplätze. In einer Gegend, die wirtschaftlich vom Öl abhängt – zu großen Teilen von Shell gefördert – ist es naheliegend, politischen Protest über den Umweg eines Angriffs auf die Ölindustrie zu artikulieren, da in Nigeria keine demokratischen Institutionen bestehen. Schon im Dezember und Anfang März hat es Geiselnahmen in nigerianischen Ölförderanlagen gegeben. Im Januar streikten Shell-Mitarbeiter in Warri und in Port Harcourt im Osten des Deltas gegen hohe Steuern. Im Februar wurde ein französischer Ölingenieur bei Port Harcourt erschossen; Menschenrechtsgruppen berichteten daraufhin von Repressalien des Militärs gegen die in der Region lebenden Ogoni.

Die jüngste Geiselnahme und weitere Drohungen bewogen Shell dazu, zeitweise elf Förderanlagen zu schließen und damit seine Ölproduktion um 210.000 Barrel pro Tag zu drosseln – die Hälfte des Shell-Anteils an der nigerianischen Ölförderung, die derzeit auf dem ohnehin niedrigen Niveau von 900.000 Barrel pro Tag liegt. Da einige Anlagen jetzt wieder arbeiten, betrug der tägliche Produktionsausfall laut Shell gestern noch 50.000 Barrel pro Tag. Auch das trifft das Land aber empfindlich. Wegen Störungen in der Raffinerie von Warri und Finanzproblemen der staatlichen Ölgesellschaft NNPC wird derzeit in Nigeria immer wieder das Benzin knapp.

„Wir haben die Forderungen der Leute an die zuständigen Behörden weitergeleitet“, beschreibt Shell-Sprecher Julian Barnes das Verhalten des Konzerns während der jüngsten Krise. Nach seinen Angaben gibt Shell heute lokalen Protestaktionen grundsätzlich nach, anders als in den Zeiten des Ogoni-Protests. So wurden fünf der elf Pumpstationen, die Shell diesmal stillegte, allein aufgrund der Drohung einer Jugendgruppe geschlossen. „Unsere Politik besteht darin, Gewalt zu vermeiden“, sagt Barnes. „Wenn man uns dazu auffordert, packen wir ein und gehen.“ Dominic Johnson

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